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Keltisch-irisch-schottische dunkle Mutter- und Todesgöttin

Die Schwarze Annis ist jener Aspekt der Großen Göttin, der den meisten wohl etwas unbehaglich ist. Sie wird in den Mythen meist als schreckliches altes Weib geschildert – mit blauer Haut, einem einzigen, durchdringend blickenden rotgeädertem Auge und eisernen Krallen auf ihrem mageren knochigen Fingern.
Sie soll ein Kleid aus Menschenhaut und einen Umhang aus blutigen Tierfellen tragen. Sie ist ein Teil einer großen Göttinnen-Triade, in der Dana die fruchtbare Muttergöttin und Brigid die jungfräuliche Frühlingsgöttin ist. Da in diesen Göttinnen-Triaden immer alle Aspekte vorhanden sind, ist Annis als die tatsächlich Schwarze, die Tödin, die auf einem Knochenhaufen sitzt, hässlich, alt und düster und ganz und gar Furcht erregend.

Schwer zu glauben, dass es sich hier um eine Göttin handelt, daher lebt die ursprünglich aus den schottischen Hochmooren stammende „Black Annis“ volkstümlich in der Figur einer menschenfressenden Unterweltshexe vor allem in der Gegend um Leicestershire, einer Grafschaft im Zentrum Englands weiter.

Schauerliche Geschichten rund um die Schwarze Annis

Erschreckte Jagdgehilfen, die aus den Moorgebieten zurück kamen, berichteten, die Schwarze Annis höchstpersönlich gesehen zu haben. Sie soll ihre Höhle in den Dane Hills haben – jenen Bergen, die ihrem jüngeren Selbst, der Göttin Dana geweiht sind. Vor ihrer Höhle steht eine große Eiche. (Dies lässt auch auf die Verbindung zur Göttin Anu schließen, die die erste Eiche vom Himmel aus goss und damit sorgte, dass Leben auf der Erde entstehen konnte.)
Unter diese Eiche soll sie in den Sandstein mit ihren scharfen Eisenfingernägel ein Loch gegraben haben, in dem sie die Toten aufbewahrt, bevor sie ihr Blut aussaugt und ihre Haut zum Trocknen aufhängt. Häufig soll man sie auch auf einem Knochenhaufen vor ihrer Höhle sitzen sehen. All das deutet auf den Aspekt einer Unterweltsgöttin hin, die unter dem Lebensbaum die sterblichen Überreste der Menschen vergräbt und die Seelen in den Schoß der Mutter Erde, in die Höhle der Schwarzen Annis holt.

Höhlen werden in der keltischen Mythologie allerdings nicht nur mit der Unterwelt assoziiert, sondern auch als Wohnstätten des „Kleinen Volkes“, sie sind sozusagen ausgehöhlte Feenhügel. Annis war, bevor sie zur dämonischen Figur wurde, die Bewacherin dieser Feenhügel und ihrer Eingänge in das Reich dieser Wesen. Sie weiß daher auch über das verborgene Wissen der Feen Bescheid. Feen waren allerdings im keltischen Mythologie nicht nur freundliche und gute Wesen, man hatte vor ihnen und ihren Begabungen auch großen Respekt.

Die meisten dieser Geschichten rund um die Schwarze Annis, die im Volksglauben von Generation zu Generation weiter gegeben wurde, klingen natürlich sehr schaurig. Es heißt jedoch, dass wenn sich einige beherzte Menschen versammeln, um sie aus der Gegend zu vertreiben, dann soll es auch gelungen sein, dass sie von dannen gezogen ist. Was über bleibt, ist nur der Knochenhaufen. Wenn man diesen genauer untersucht, kann man erkennen, dass sich die Schwarze Annis auch mit Schaf- und Hirschfleisch begnügt – offenbar wenn sie gerade nicht an Menschenfleisch herankommt. Sie lässt sich zwar vertreiben, auslöschen kann man sie nicht, denn sie findet bald eine andere Höhle und die Angst vor ihr verbreitet sich wieder. Wenn ihre Zähne aufeinander klirren – so heißt es – dann soll dieses Geräusch so laut sein, dass man es über 5 Meilen weit hört und alle Menschen vor Schreck sofort ihre Fenster schließen und Türen versperren.

Die Annis und der Anis

In den Mythen sind auch weitere gar Furcht erregende Geschichten von ihr bekannt: Nächtens soll die Schwarze Annis auf ihre Streifzüge gehen und nach unbeaufsichtigten Kindern Ausschau halten, die sie „zum Fressen gerne“ hat. Sie soll in die Häuser spähen, das sei auch der Grund, warum die Häuser in dieser Gegend so kleine Fenster haben. Besondere Kräuter an den Fenstern aufgehängt, sollen die Schwarze Annis daran hindern, dass sie mit ihren langen Armen in die Zimmer greift und sich die schlafenden Kinder holt.

Besonders erwähnt wird im Zusammenhang mit der Schwarzen Annis auch Anis. Dieser soll gegen den Bösen Blick helfen und wird abwechselnd als Abwehrzauber gegen die gefürchtete Alte oder aber auch als ihre Gabe, mit der man sich schützen und heilen kann, gehandelt. Vor ihrer Höhle soll Anis wachsen, also ist zu vermuten, dass sie sich von Anis (man beachte die Namensgleichheit) nicht vertreiben lässt, sondern dass sie selbst damit andere unerwünschte Wesen verjagt, die den Verstorbenen den Zugang zum Schoß der Erdmutter verwehren wollten.

Neben seiner Heilwirkung (er wirkt u.a. antibakteriell und gegen Krämpfe und Blähungen und wird wegen seiner schleimlösenden Wirkung als Hustenmittel eingesetzt) gilt Anis in vielen Gebieten als Aphrodisiakum. Hier soll offenbar ein belebendes und Lust förderndes Kraut gegen die Macht des Bösen wirken.

In einen Stein oder eine Katze verwandelt

Tagsüber ist laut Volksglauben von der Schwarzen Annis im übrigen nichts zu befürchten, denn bei Sonnenlicht soll sie versteinern, der Stein soll sich erst bei Dämmerung wieder in die Göttin bzw. Hexe zurückverwandeln. Auch in der Nacht soll sie ihre Gestalt blitzschnell wandeln können, wenn Menschen in die Nähe kommen – und zwar in eine Katze. Sie wird daher auch Cat Annis genannt.

Angeblich beruhen Teile dieser Mythen auf einer realen Frau: Agnes Scott, eine Einsiedlerin, die im 15. Jahrhundert gelebt hat. Sie war einigen Berichten zufolge, eine Nonne der Dominikanerinnen, die eine kleine Kolonie von Leprakranken gegründet hatte, die sie in einer Höhle in den Dane Hills betreute. Natürlich kam man dieser schwarzen Frau (ihre Ordenstracht war eine schwarze Kutte) in ihrer Leprakolonie nicht gerne nahe und warnte auch Kinder davor, sich ihr zu nähern. 1455 gestorben, wurde sie am Friedhof von Swithland begraben, eine Gedenktafel sowie eine verschleierte Statue erinnern an sie. Besonders im Zuge der Reformation, die sich auch gegen katholische Klöster richtete, soll die Geschichte der wohltätigen Nonne so entstellt worden sein, dass seither Agnes Scott (vulgo: die Schwarze Annis) vor allem als Kinderschreck diente. Eltern warnen ihre Kinder, dass sie kommt, wenn sie nicht folgen.

Nonne, Wahrsagerin und Wetterhexe

Es gibt auch eine zweite Figur, die mit ihr assoziiert wird: Die Hexe oder die Weise Frau, die den Tod Richard III. vorausgesagt hat. Als er auf seinem Weg zur Schlacht von Bosworth über die Brücke von Leicester ritt, schlug sein Sporn an einen Stein auf der Brücke. Eine plötzlich aufgetauchte weise Frau soll daraufhin gesagt haben, dass am Retourweg sein Kopf auf diesen Stein schlagen werde. Als der Leichnam von Richard über diese Brücke getragen wurde, schlug tatsächlich sein Kopf an den selben Stein. Von dieser Frau wurde später gesagt, dass es sich um kein menschliches Wesen sondern um die Schwarze Annis persönlich gehandelt hat.

Im Viktorianischen Zeitalter verschmolz die Geschichte von Agnes Scott und mit der ähnlich klingenden Göttin Anu, die im Gegensatz zur Black Annis auch Gentle Annis (Milde Annis) genannt wird. Viele Merkmale hat sie auch mit der keltischen Cailleach gemeinsam. Darüber hinaus fließen in die Figur der Schwarzen Annis auch lokale Wettergeister, Wetterhexen bzw. Wettergöttinnen ein. Diese sollen über Stürme gebieten. Besonders wie aus dem Nichts aufkommende Sturmböen und Meeresstürme sind ihr Spezialgebiet. Einmal von der Schwarzen Annis geschickt kann sie nur die „Gentle Annis“ besänftigen.

Gleichgültig, woher ihre Wurzeln kommen, die Schwarze Annis ist jener Teil der großen Göttin, der das Alte, Furcht erregende, Todbringende repräsentiert. Das keltische “Ann-” steht für “Mutter”, ihr mütterliche Aspekt liegt vor allem darin, dass sie als Erdgöttin alle ihre „Kinder“ in ihrem Schoß willkommen heißt und beherbergt.
Auch dass sie gerne Kinder fressen soll, ist wohl damit zu erklären. Kinder bedeutet in diesem Zusammenhang wohl alle Kinder von Mutter Erde, also alle Menschen und nicht nur die kleinen Kinder.

auch: Black Annis, Black Anna, Black Anny, Black Agnes, Cat Annis

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