Pachamama – Personifizierte Mutter Erde, Göttin des Lebens bei den Völkern der Anden

Die Erde wird in vielen Kulturen als Göttin verehrt, sie schenkt Leben in vielfacher Hinsicht, auch bei den Andenvölkern wird die Erde als Pachamama, als Mutter angesehen. Aus ihr kommt alles, sie nährt, schützt, nimmt in sich auf.

Die allumfassende Lebensgöttin

pachamama

Die Erde wird in vielen Kulturen als Göttin verehrt, sie schenkt Leben in vielfacher Hinsicht, auch bei den Andenvölkern wird die Erde als Pachamama, als Mutter angesehen. Aus ihr kommt alles, sie nährt, schützt, nimmt in sich auf.

Die Erde wird als lebendiges Wesen angesehen, das wie der Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht und mit dem die Menschen auch (rituell) kommunizieren können. Doch Pachamama ist viel umfassender als eine reine Erdgöttin, sie ist alles, was es gibt in Raum und Zeit. Sie ist «die allumfassende Lebensgöttin».

In den Sprachen Quechua und Aymara beschreibt das Wort «pacha» sowohl Zeit wie auch Raum, «pacha» ist damit also die Gesamtheit des Seins.

Auf der räumlichen Ebene umfasst dies die Oberwelt und die Unterwelt. Wobei dies in der andinen Welt nicht bewertet wird. Hier gibt es kein «absolut gut» oder «absolut schlecht».

Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen

Das gesamte Leben der AndenbewohnerInnen ist darauf ausgerichtet, ein ständiges Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen zu schaffen. So haben Arbeit, Gebete, Feste und Riten den Zweck, dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten bzw. immer wieder herzustellen.

Dieses Ausrichten auf ein Gleichgewicht wurde 2008 als Pachamama als ein Grundprinzip in die neue Verfassung von Ecuador aufgenommen. Auf der zeitlichen Ebene steht «pacha» sowohl für das Vergangene, das Gegenwärtige wie auch das Kommende. Trotz ihres hohen Alters ist Pachamama noch jung und kann immer wieder Früchte hervorbringen.

Das eigentliche Wort für Mutter ist in der indigenen andinen Sprache «tayca». «Mama» ist kein ursprünglich indigenes Wort. Es wird vermutet, dass es von den Missionaren eingeführt wurde, um der indigenen Bevölkerung die Bedeutung der Jungfrau Maria näher zu bringen, die immer mehr mit der alten Göttin verschmolz.

Das «Mama» in Pachamama steht für das mütterliche Prinzip, das über diesen Seinsebenen steht, bzw. aus denen diese hervorkommen. Alle Dinge wie auch Ereignisse haben für die andine Bevölkerung eine Mutter und diese Mutter ist Pachamama. Ihre unmittelbare Abhängigkeit von Pachamama ist den BewohnerInnen der Anden, dieser kargen gebirgigen Region täglich bewusst.

Zwischen den dort lebenden Menschen und „»Mutter Erde» besteht eine enge Wechselbeziehung. Vermutlich ist die spirituelle Tradition rund um Pachamama daher nach wie vor sehr vital und äußert sich in vielen alltäglichen Riten und großen Festen.

Kinder der Pachamama

Sie ist der Ursprung alles Neuen und wird als mütterliche Quelle wahrgenommen. Daher betrachten sich die indigenen Andenvölker seit jeher als ihre Kinder. Eigentlich gilt Pachamama als ursprüngliche Kraft, die so groß ist, dass sie keinerlei Geschlechtszuordnung hat.

Allerdings war der mütterliche Charakter ausschlaggebend dafür, dass Pachamama vor allem von Frauen verehrt wurde. Und so wurde im Laufe der Zeit aus ihr eine eindeutig weibliche Gottheit. Pachamama ist eine sehr lebendige Göttin, sie wird noch heute in vielen Gegenden Perus, Boliviens, Kolumbiens und Ecuadors, teilweise auch im Nordwesten von Argentinien und im Norden von Chile von der indigenen Bevölkerung verehrt.

Für große Teile der indigenen Bevölkerung vermischt sich die Gestalt der Pachamama mit der Gestalt der Mutter Gottes Maria.

Neue Religionen brauchen starke weibliche Symbole

Mit der Ankunft der Spanier und der damit einhergehenden Missionierung wurden die alten einheimischen Gottheiten gegen christliche Heilige ausgetauscht. Maria wurde von den Missionaren der katholischen Kirche in vielfältiger Art dazu benutzt, den Kult der Großen Mutter zu ersetzen. Denn Gottvater und -sohn war für die, an eine Mutter- und Erdgöttin gewohnte Bevölkerung nicht ausreichend, um den Glauben zu wechseln.

Neue Religionen konnten ohne ein starkes weibliches Symbol nicht überzeugen. So wurde aus Pachamama (und vielen anderen Göttinnen) Maria. Die Riten und Verehrungsformen für die alten Göttinnen wurden allerdings weitgehend beibehalten. Während Maria ein konkretes Abbild hat, wird Pachamama in allem wahrgenommen.

Eigentlich gibt es von Pachamama selbst keine Abbilder, denn sie ist ja ohnehin überall gegenwärtig und drückt sich in allem aus. Allerdings findet sich ihre Energie in südamerikanischen Marien-Darstellungen wieder. Während in der abendländischen Vorstellung die Jungfrau Maria die einfache und schlichte „Magd Gottes“ ist, wird sie in diesem Kulturkreis stets prächtig, üppig und glänzend in reich geschmückten Gewändern dargestellt.
Denn als Göttin, bzw. als Mutter Gottes, die für Fruchtbarkeit zuständig ist, kann sie nur so in Erscheinung treten.

Uralte Drachen-Erd-Göttin

Pachamama stellen sich die Menschen – wenn nicht als Erde bzw. Universum selbst – am ehesten in Drachengestalt vor. Die Wurzeln dieser Erscheinungsform liegen vermutlich in der Inka-Kultur, die eine Drachen-Erd-Göttin kannte. Pachamama ist damit einer jener ganz alten Drachengöttinnen, die in vielen Kulturkreisen und spirituellen Richtungen vorkommen. Sie lebt als Drache in der Erde, bzw. ist die Erde ein schlummernder Drachen, der aber auch erwachen kann.

Meist ist sie ruhig, friedlich und freundlich. Vergessen allerdings die Menschen, sie zu ehren, was nicht nur durch Rituale sondern vor allem in der Achtung ihrer Naturgesetze und in der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zum Ausdruck kommt, dann schickt diese Drachengöttin Erdbeben und andere Naturkatastrophen.

Weitere Darstellungsformen der Pachamama gibt es eigentlich erst durch Einfluss der westlichen Welt. So stellt man sie sich entweder als kleine, hutzelige alte Frau vor, mit Kleidern aus feingesponnener Vicuña-Wolle.

Oder auch als üppige Erdgöttin
mit gespreizten Beinen, die ihrem heiligen Tier, dem Frosch bzw. der Kröte sehr ähnelt. Hier soll auch der Fruchtbarkeitsaspekt hervorgehoben werden, da Frösche und Kröten als Sinnbild von Föten immer etwas mit Fruchtbarkeit zu tun haben. Im mexikanischen Sprachgebrauch bedeutet das Wort für Kröte «much» dasselbe wie für Gebärmutter.

Alte Abbildungen der Pachamama zeigen sie auch mit einem Fötus in ihrem Bauch, der offenbar gerade geboren wird oder kurz vor der Geburt steht. Auf einigen Darstellungen hält Pachamama eine Spindel und Wolle. Manchmal wird sich auch von einem schwarzen Hund und einer Schlange begleitet.

Die Zeremonien für Mutter Erde

Da Pachamama immer und überall ist, gibt es meist auch kein bestimmtes Datum und keinen bestimmten Ort, um sie zu ehren. Ausnahmen gibt es hier allerdings schon: In Bolivien gelten im Karneval der Dienstag und der Freitag als besondere Pachamama-Tage.

Auch die Zeit Anfang August zwischen der ersten Ernte (die in den Anden im frühen Sommer stattfindet) und der zweiten Aussaat für die Herbsternte ist Pachamama besonders geweiht, weil die Erde da sehr verletzlich ist.
Bevor im August ein neuer Anbauzyklus beginnt, wird die Zeremonie des „pago a la Pachamama“ (Bezahlen der Pachamama) durchgeführt. Der Mutter Erde werden in Ritualen Weihegaben dargebracht. Nur dann ist sie bereit, die Menschen im neuen Erntezyklus zu unterstützen, da sie nach andiner Ansicht „gereizt“ und der Boden „hungrig“ und „offen“ ist. Jedes Fleckchen Erde muss Pachamama rituell „bezahlt“ werden, damit es fruchtbar bleibt und gute Ernten erwartet werden dürfen.

Häufig dienen besondere Felsformationen oder Steine als Kultstätten der Pachamama, Berge werden als ihre Brüste angesehen, Quellen, die den Bergen entspringen, sind ihre Milch, Flüsse ihr Blut und Pflanzen ihr Haar. Vor allem sind bestellte Felder Ausdruck von Pachamama. Für sie gibt es so manchen Saat- und Erntezauber. So wird – um gute Ernten sicherzustellen – in der Pflanzzeit Maismehl verstreut.

Auf ihrem Grundstück haben manche Familien einen speziellen Platz für Pachamama eingerichtet, an dem vor jeder Mahlzeit der erste Bissen aus Dankbarkeit für das Essen geopfert wird. Auch der erste Schluck Alkohol geht immer an Pachamama. Religiöse Riten für sind fest im Alltagsleben verankert und meist ebenso simpel wie selbstverständlich. Vieles orientiert sich dabei an dem (wieder) Herstellen von Gleichgewicht.

Durch Weihegaben in Form von Speisen, Getränken, Coca-Blättern etc. geben die Menschen im kleinen rituellen alltäglichen Handlungen oder großen Festen zurück, was sie von der Göttin erhalten haben.

Pachamama in der Verfassung von Ecuador

Es heißt, dass Pachamama ihre Kinder solange ernährt, wie sie geehrt wird. Vergessen die Menschen das, bringt sie sich mittels Erdbeben und Unwettern wieder in Erinnerung. Pachamama gilt nicht mehr nur bei den Andenvölkern als Schöpferin, Beschützerin und Bewahrerin von Erde und Natur.

Die Erdgöttin aus den Anden ist damit zu einer Art Schutzheiligen der Umwelt geworden. Evo Morales dankte im Jahr 2006 bei seiner Amtseinführung als Präsident von Bolivien ausdrücklich der Pachamama für seinen Sieg.

Der Schutz von Mutter Erde steht auch in der neuen Verfassung von Ecuador. Dort heißt es, dass die Natur ein Recht darauf hat, dass ihre Existenz und Bewahrung, die Erhaltung und Wiederherstellung lebenswichtiger Zyklen und alle natürlichen evolutionären Prozesse geachtet werden müssen.

auch: Pacha Mama, Pachamamma. Patchamama, Pachiamama, Paehamama, Mama Pacha, Mamapacha

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