In irokesischen Mythen ist Awehai ist gleichermaßen im Himmel und auf der Erde. Sie hat die Erde inmitten eines großen Gewässers auf dem Panzer einer Riesenschildkröte geschaffen.

Die vom Himmel gefallene Schöpfungsgöttin

In irokesischen Mythen ist Awehai ist gleichermaßen im Himmel und auf der Erde. Sie hat die Erde inmitten eines großen Gewässers auf dem Panzer einer Riesenschildkröte geschaffen.

Die Geschichte erzählt, dass Awehai mit einem Mann verheiratet war. Ein anderer Mann begehrte sie aber und Awehais Ehemann vermutete, dass sie diesen anderen Mann mehr liebe als ihn. Er stellte sie zur Rede, doch Awehai verweigerte es, ihm Rede und Antwort zu stehen, da sie eine selbstbestimmte, eigenmächtige Frau war und es nur sie ganz allein etwas anging, wen sie liebe. Der Ehemann verfiel in einen so eifersüchtigen Wahnsinn, dass er den Baum entwurzelte, der das Zentrum der Welt war. Es entstand ein großes Loch, in das der rasend eifersüchtige Ehemann seine Frau Awehai warf.
Durch dieses großes schwarzes Loch, durch dieses grenzenlose Nichts fiel sie also vom Himmel – lange, lange, lange, ein schier endloser Fall.

Der tiefe Fall

Awehai wollte sich im Fallen irgendwo festhalten und griff verzweifelt in die scheinbare Leere. Da wickelten sich um ihre Finger jede Menge Pflanzensamen. Als sie tiefer und tiefer fiel, schlangen sich auch Tiere um ihren Körper, vor allem Kröten, Biber und Otter. Sie dachte, dieser lange Fall würde nie mehr aufhören. Doch dann spürte sie plötzlich Feuchtigkeit unter sich. Sie näherte sich einem großen Gewässer. Da bemerkte sie, wie sie von gefiederten Wesen begleitet wurde und deren Flügel breiteten sich aus und wurden zu einem weichen, gefiederten Kissen, auf dem sie sanft landen konnte. Sie schwebte die letzte Wegstrecke auf diesem Kissen herab und landete auf dem Rücken einer Riesenschildkröte.
Die Tiere, die sich an Awehai angeklammert hatten, huschten sofort herum und sammelten das Material, das von den Wurzeln des großen, entwurzelten Weltenbaumes geschüttelt worden war. Sie drückten dieses Material auf dem Panzer der Riesenschildkröte zusammen, dies wurde zur fruchtbaren, aufnehmenden Erde, auf die Awehai nun die Samen streuen konnte. Bald war die Erde mit grünen Sprossen von nahrhafter Fülle bedeckt.
Als Awehai diese neue Welt sah, war sie so erfüllt von Freude und dem Gedanken, dass viel mehr Nahrung vorhanden war, als sie selbst für sich beanspruchte. So brachte sie Kinder zur Welt, die von dieser Fülle leben konnten. Und auf dieses Weise – so erzählt der Mythos – entstand das Volk der IrokesInnen. Es sind alles Kinder von Awehai, die das neue Land im großen Gewässern geschaffen hatte. Jener Frau, deren Herz sich geweigert hatte, sich den eifersüchtigen Fragen ihres Mannes zu stellen und deren Arme in ihrem tiefen Fall nach Leben gegriffen hatten.

Die fruchtbare Kraft auf der Schildkröteninsel

Die Schildkröte ist bei den UreinwohnerInnen Amerikas das Symbol für die Erde. Sie sprechen von der „Schildkröteninsel“. Diese trägt die Menschen und bietet genügend Platz, damit alles, was die Menschen an Nahrung benötigen, angebaut werden und auf ihr wachsen kann.
Awehai hat alle Samen ausgestreut und machte so die Erde nicht nur fruchtbar, sie erfüllte sie auch mit Schönheit. Sie ist somit Fruchtbarkeits-, Vegetations- und Erntegöttin. Sie ist die geliebte Schöpfungsgöttin, die immer noch auf dem Rücken der Riesenschildkröte tanzt.

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Der Schöpfungsmythos als Grundlage der matriarchale Ordnung

Dieser Schöpfungsmythos ist insofern bedeutsam, als er die philosophische Grundlage für die Rolle der Frau in der irokesischen Gesellschaft bildet. Es symbolisiert die Fruchtbarkeit von Frauen, deren Fortpflanzungskraft und gartenbauliche Fähigkeiten eng mit Awehai, der ursprünglichen Kraft der Schöpfung, verbunden sind. Die kreativen Fähigkeiten der Frauen waren so wichtig, dass sie im gesamten Zeremonienzyklus gefeiert werden. In nahezu alle Zeremonien bedanken sich die Menschen für die Fruchtbarkeit der Erde, insbesondere für die Ernte, die das Hauptanliegen der Frauen war. Besonders wird Awehai beim Erdbeerfest im Juni gefeiert. Die Menschen tanzen rituelle Tänze und singen begleitet von Rasseln aus Schildkrötenpanzern.

Die IrokesInnen folgen einem matrilinearen System, das wohl auf der verstörenden, gewaltsamen Erfahrung der Schöpfungsgöttin Awehai mit ihrem Ehemann begründet ist. Traditionell hat die irokesische Frau die vollständige Kontrolle über ihren Haushalt. Sie hat Eigentumsrechte, sowohl das Recht auf persönliches Eigentum als auch das Recht, über persönliche Gegenstände zu verfügen. Daher kann eine Frau Fisch und Wild, die von ihrem Ehemann gefangen werden, wie auch die Produkte ihrer eigenen Gartenbaukulturen ganz nach ihrem Willen an Familie und FreundInnen verteilen. Die Geräte, die zur Bodenbearbeitung, zur Zubereitung von Speisen, zur Herstellung von Kleidung und anderen Haushaltsgegenständen verwendet werden, gehören ebenfalls den Frauen.
Am wichtigsten ist, dass Frauen das Land, die Ernte und die Häuser ihr Eigen nennen. Die IrokesInnen praktizierten kein Besitzsystem, bei dem Land gekauft und verkauft werden kann. Vielmehr wird das Land von allen Frauen gemeinsam gehalten.

Awehai bewacht und beschützt immer noch das Familienleben und das Leben in Gemeinschaften.

Ihre Symbole sind Samen und Schildkröten.

 

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