Sudice kann als einzelne oder als mehrere Göttinnen (meist in dreifacher Form) erscheinen. Es geht hier um die osteuropäische Version von Schicksalsgöttinnen.

Die Schicksalsschwestern

Sudice kann als einzelne oder als mehrere Göttinnen (meist in dreifacher Form) erscheinen.
Es geht hier um die osteuropäische Version von Schicksalsgöttinnen.

Jedes Land scheint für sie eigene Namen zu haben: In Kroatien und Serbien sind es die Sudjenice, in Böhmen Sudicky, in Bulgarien Sudženica oder Narucnici, in Slowenien Sojenice, in Polen Sudice.
Die Sprachwurzel kommt zum einen von „sudbina“ (= Schicksal) oder „Sudice“ (= richten bzw. Richter).
Die Sudice in ihrer dreifachen Form ähneln den griechischen Moiren, den römischen Parzen und germanischen Nornen.

Sie werden als alte, aber schöne Frauengestalten ganz in Weiß beschrieben, auch ihre Haut ist weiß. Sie tragen weiße Taschentücher auf dem Kopf und viele Ketten aus Gold uns Silber um ihren Hals, manchmal auch noch Blumengirlanden. Oft tragen sie Kerzen mit sich.

Erscheinen nach der Geburt

Sie sind an sich unsichtbar, erscheinen nur nach der Geburt eines Menschen und sagen dann die Zukunft des Neugeborenen voraus.
Traditionell erscheinen sie zu dritt um Mitternacht nach der Geburt des Babys und schicken ihre Mutter in einen tiefen Schlaf.
Oft betreten sie gar nicht den Raum sondern bleiben hinter den Fenstern oder sitzen auf dem Dach und erzählen dem Kind das Schicksal der Sterne, das für dessen Leben vorgesehen ist.
Zwei sprechen die guten Wünsche, doch die letzte, die Entscheidende, spricht das Schicksal für das Kind aus.
Die Eltern versuchen daher vor allem die Dritte mit Gaben wie Wein, Kerzen und Brot gütig zu stimmen.


Wir kennen dieses Thema von dem Dornröschen-Märchen. Hier ist im Text übrigen nie von Feen, sondern immer nur von „weisen Frauen“ die Rede.
Das entspricht auch mehr dem Mythos der Sudice, der Wurzel bzw. Ur-Form der Dornröschen-Geschichte.
In der slawischen Mythologie wird auch erzählt, dass drei alte Spinnerinnen, sich den Wiegen jedes neugeborenen Kindes nähern und ihr Schicksal vorhersagen. Die erste hat eine große Unterlippe, weil sie mit dieser immer den Faden befeuchtet. Die zweite hat einen Zoll breiten Daumen vom Halten des Knotens und die dritte hat einen riesigen Fuß vom Treten auf das sich drehenden Rades.
Das wiederum finden wir auch im Märchen „Die drei Spinnerinnen“ wieder, das sich dann auch zum Rumpelstilzchen gewandelt hat. Das Thema ist das gleiche: Einer verzweifelten jungen Frau wird dabei geholfen, Flachs bzw. Stroh zu verspinnen. Bei Rumpelstilzchen, das schon unter patriarchalen Einflüssen stand, wurden die drei gütigen Frauen in einen einzigen übelmeinenden männlichen Kobold verwandelt. Das Thema wurde also sowohl der Dreifaltigkeit (immer ein Zeichen der dreifachen Göttin), wie auch der Weiblichkeit und damit der wohlmeinenden Freundlichkeit beraubt.

Von Sudice wird erzählt, dass sie auch verirrten Kindern und Menschen, vor allem Frauen in Notlagen hilft.
Eitle, eigennützige, gierige Absichten unterstützt sie allerdings nicht. Wer ihre Botschaften nicht versteht, wer, wie es so oft im Märchen heißt, nicht „reinen Herzens“ ist, kann durchaus schmerzhafte Erfahrungen mit Sudice machen.

auch: Sudjenice, Sudicky, Sudženica, Narucnici, Sojenice

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