Bendis – Thrakische Mondgöttin, nächtliche Lichtgöttin

Der Name der Göttin Bendis wird als «leuchtende Frau» gedeutet. Ihr Name bedeutet auch «binden». Ihr wird einerseits sanfte Macht über Himmel und Erde zugeschrieben.

Die leuchtende Frau

Der Name der Göttin Bendis wird als «leuchtende Frau» gedeutet. Ihr Name bedeutet auch «binden». Ihr wird einerseits sanfte Macht über Himmel und Erde zugeschrieben. Als Göttin der Jagd hat Bendis andererseits einen sehr kämpferischen fast grimmigen Aspekt.

Sie führt den Beinamen Dilonchos — die Göttin mit dem doppelten Speere. Sie ist oft im Laufen mit zwei Speeren oder Lanzen in der Hand abgebildet. Auf anderen Abbildungen hält sie einen Ast, mit dem sie die Passage in die Unterwelt gewähren kann.

Die ältesten Bildnisse von ihr wurden im attischen Kulturraum gefunden. Von dort aus gelangte ihr Kult an viele Orte des griechischen Kulturkreises, wie die Kykladen, Kleinasien, Zypern, Ägypten, Unteritalien und auch nach Thrakien, wo ihr Kult besonders verankert war. Thrakien ist ein Landstrich auf der östlichen Balkanhalbinsel, zu dem heute die Staaten Bulgarien, Griechenland und Türkei gehören.

Die fremde Göttin aus dem „barbarischen Norden“

Besonders durch die Aufzeichnungen des Geschichtsschreiber Thukydides, der kurz nach Herodot wirkte, ist Bendis bekannt. Bemerkenswert ist vor allem, dass der fremden Göttin Bendis aus dem «barbarischen Norden» in Athen Gastrecht eingeräumt wurde. Dies als Dank für die Allianz der Thraker mit den Athenern während des Peloponnesischen Krieges (431-411 v.u.Z..).

Ihr zu Ehren wurden Tempel errichtet und der Kult aufwändig begangen. Ein Heiligtum stand vermutlich in Piräus. Weitere sind aus Laurion bekannt und auch auf den Kykladeninseln genoss sie große Ehren. Der Geschichte nach wurde Bendis besonders von der gynokratischen Kultur in Lemnos als Große Göttin verehrt.

In ihrem Namen soll die Frauen von Lemnos eine Revolte angezettelt haben, bei der alle Männer getötet wurden. Frauen (wahrscheinlich Amazonen) sollen in ihrem Namen Fuchs- und Löwenfelle getragen und sie in heiligen Hainen verehrt haben.

Zu ihren Ehren wurden auch in Athen große Zeremonien und Prozessionen, die sogenannten Bendideia abgehalten. Dabei näherte sich der Festzug ausgehend von der Athener Agora in einem nächtlichen Fackellauf, manchmal auch zu Pferde, dem Heiligtum der Göttin, dem Bendideion in Piräus.
Der Kulttag endete mit einem großen orgiastischen Fest, bei dem Handklappern, Zimbeln und Pauken verwendet wurden. Im attischen Kultkalender war dafür der 19. und 20. Thargelion vermerkt sind, der in die Zeit zwischen Mitte Mai bis Mitte Juni fällt. Es ist zu vermuten, dass dieses Mondgöttinnen-Fest am Vollmond in dieser Zeitspanne gefeiert wurde.

Der blaue Mond

Besonders verehrt wird Bendis beim «blauen Mond». Das Wort Monat stammt ja aus der gleichen Sprachwurzel wie Mond. Die patriarchale Struktur teilt das Jahr in 12 Monate mit ungleich vielen Tagen — 28, 29, 30, 31.

Matriarchale Kulturen kannten allerdings einen Jahreszyklus, der 13 Vollmonde umfasst, was eine viel einfachere Unterteilung ermöglichen würde (365:28 = 13). In etwa 42 von 100 Jahren gibt es auch in unserem patriarchal strukturierten Kalender 13 Vollmonde innerhalb eines Jahres. Das bedeutet, dass uns in einem Monat 2 Mal ein Vollmond leuchtet, der auch «Blauer Mond» genannt wird.

Da der Menstruationsrhythmus der Frauen dem des Mondrhythmus gleich ist, ist der «blaue Mond» deutliches Zeichen der ursprünglichen Kräfte. Frauen feiern und rufen Bendis heute, um ihre Frauenkraft zu zelebrieren, die einerseits sanft und liebevoll, andererseits wild und grimmig sein kann — dies oft auch im schnellen Wechsel bzw. innerhalb eines Monats oder Menstruationszyklus.

Das Feiern der urweiblichen Kraft

Diese verschiedenen Aspekte entsprechen ganz und gar der urweiblichen Kraft: bis zum Eisprung wird alles sanft und liebevoll aufbereitet, um eventuell neues Leben zu empfangen und einzubetten. Nach dem Eisprung wird – sollte kein befruchtetes Ei vorhanden sein bzw. ein befruchtetes Ei aus verschiedenen Umständen nicht aufgenommen werden können – ein unbarmherziger Prozess der Abstoßung und Loslösung eingeleitet.

Dieser körperliche Prozess geht bei vielen Frauen auch mit einer emotionalen und seelischen Berg- und Talfahrt einher. Diese gilt es nicht zu verdammen oder auszuschalten. Vielmehr sollten Frauen (gerade auch in prämenstruellen Zuständen) dies feiern und sich über ihre Vielfältigkeit freuen. Bendis hilft dabei!

Im Zusammenhang mit diesen beiden sehr gegensätzlichen Ausprägungen wird von Bendis berichtet, dass sie für ihr Anhängerinnen zwei Aufgaben (möglicherweise innerhalb eines Menstruationszyklus) hätte: eine hängt mit dem Himmel zusammen, die anderen hat etwas mit der Erde zu tun.

Die beiden Lanzen bzw. Sperre, mit denen sie immer wieder dargestellt wird, soll sie selbst geboren haben. Bendis verfügt auch über zwei Lichter: eine ganz eigenes und ein anderes, das durch die Strahlen der Sonne erzeugt wird – das scheint wohl das Mondenlicht zu sein, das ja durch die Sonne entsteht. Das erstere kann als das eigene Lebenslicht gedeutet werden.

auch: Mendis

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