Sophia – Alttestamentarische Göttin der Weisheit

Sophia wird von JüdInnen und gnostischen ChristInnen als allumfassender Geist, als Schöpferin allen Lebens verehrt. Sophia ist der Anfang der Schöpfung, die uralte biblische „Frau Weisheit“, jene göttliche Kraft, die vor allem anderen bereits da war.

Heilige Geistin

Sophia wird von JüdInnen und gnostischen ChristInnen als allumfassender Geist, als Schöpferin allen Lebens verehrt. Sophia ist der Anfang der Schöpfung, die uralte biblische „Frau Weisheit“, jene göttliche Kraft, die vor allem anderen bereits da war, die weibliche Seele Gottes, die  Quelle der Kraft.

In ihrer ursprünglichsten Form gilt Sophia als Schöpferin allen Lebens, aus der ihre männliche Ergänzung geboren wurde.

Wer sitzt zu Linken Gottes?

Viele ChristInnen fragen sich vielleicht: „Wenn Jesus zur rechten Hand Gottes sitzt, wer sitzt dann zu seiner linken? Und welche Funktion hat eigentlich dieser „Heilige Geist“ inne?
Ist das ein weißer Vogel, der überall herum fliegt und alles auskundschaftet oder vielleicht sowas, wie der Opa von Jesus? Nun, nicht ganz, eher sowas, wie seine Oma.

Eigentlich ist es schwer nachzuvollziehen, warum in nahezu allen Mythen, Religionen und Kulten der Schöpfungsakt, dieses Ur-Gebären entweder einer weiblichen Gottheit oder dem Zusammenwirken von einer weiblichen und einer männlichen Gottheit zugeschrieben wurde und just im Juden- und Christentum dies alles alleinige Männersache gewesen sein soll. War es auch nicht, denn immerhin gibt es ja auch den „Heiligen Geist“ und unter diesem verstand man seit jeher eine göttliche Kraft mit eindeutig weiblichen Zügen.

Personifiziert und verehrt als Sophia, die große Muttergöttin des Juden- und Christentums, welche der Welt das Licht brachte.

Eingesetzt von Ewigkeit her …

Wenig beachtet findet sich in der hebräischen Bibel (AT, Tanach, Sprüche 8,22-31) eine interessante Darstellung der Schöpfung:

„Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“

Frau Weisheit – Gottes tägliche Lust

Wer spricht hier? Ein Wesen, das auch immer wieder als „Frau Weisheit“ bezeichnet wird. Salomon beschreibt in diesem alttestamentarischen Buch der Sprichwörter (8,22-31) die Vorzüge der Weisheit so, wie wenn er von eine begehrenswerte junge Frau sprechen würde. Die Bibel ist hier geradezu sinnlich.

Diese Stelle wird darum entweder oft verschwiegen oder etwas hölzern und steif interpretiert. Die Vorstellung einer Frau Weisheit, die vor Gott spielt und seine tägliche Lust ist – das geht vielen patriarchalen Kirchenvätern eindeutig zu weit. Dennoch, diese Bibelstelle ist nicht wegzuleugnen und sie sagt zumindest aus, dass Gott, der Herr bereits von Anfang an, bevor er etwas schuf, eine andere, unterstützende Kraft hatte. Was noch nicht wirklich beweist, dass diese weiblich ist.

Allerdings sind in diesem Zusammenhang zwei weitere Bibelstellen der Schöpfungsgeschichte (1.Mose 26, 27) sehr aufschlussreich: „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“

Zu wen spricht er da? Er sagt nicht etwa: „Jetzt mach ich mal Menschen“ sondern: „Lasst uns Menschen machen.“ Okay, da kann man vielleicht noch annehmen, dass sich Gott etwas geschwollen ausgedrückt hat, oder dass die Übersetzung ungenau ist.

… als Mann und Frau schuf er sie

Aber dann: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, als Mann und Frau schuf er sie“. Wenn also die Weisheit nur ein geschlechtsloser Urzustand, eine Kraft oder ein Geist – wenn auch ein heiliger — wäre und Gott männlich, woher käme dann die Idee, eine Frau zu schaffen?

All das macht klar, dass auch in diesen patriarchal anmutenden Religionen von Anbeginn eine weibliche Kraft, eine Göttin wirkte. Man stelle sich also vor: Gott in Geselligkeit, Gott mit Sophia, jener Göttin, die die Weisheit repräsentiert, noch ehe alles begann. Zwei, die höchst spielerisch miteinander umgingen und die sich in ihrer lustvollen Schaffenskraft gegenseitig beflügeln. Er macht, sie liefert die Ideen und die Kraft.

Kosmischer Ideenreichtum in Göttinnenhand

Was für ein anderes Bild der biblischen Schöpfungsgeschichte. Sophia, die Frau Weisheit ist die Urkraft, der ganze kosmische Ideenreichtum. Sie manifestierte sich aus dem Absoluten, dem Urklang und ist als dynamische Energie während des gesamten Schöpfungsaktes die treibende, die weise, die kreative Kraft.

Vielleicht hüpfte sie fröhlich von Einfall zu Einfall: Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum? Sie klatscht in die Hände: Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle? Sie summt ihr Lied: Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase? Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend? Sie lächelt und träumt: Meere, Berge, Gräser, Kräuter, Bäume, Wesen, die krabbeln, fliegen, schwimmen — das wäre doch hübsch. Alles ist möglich in diesem Urzustand. Sophia tanzt — leicht wie die Zeit – ihren kosmischen Tanz.

Ihre Melodie ist der wilde Urknall, dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen, Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten. Sie erstreckt sich über das sich freudig ausdehnende All.

Lust an den Menschen

Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen. Und Gott tanzte mit. Ein Bild voller Dynamik, voll Verspieltheit, voll vibrierendem Leben. Und zu allen Überfluss hält Salomon eindrücklich im Buch der Sprichwörter fest, dass dieses weibliche Element große Freude, sogar Lust an den Menschen hat.

Ihre gemeinsame göttliche Freude aneinander springt sozusagen auf das über, was Sophia in ihrer Weisheit und Gott in seiner Tatkraft schaffen. Und von all dem noch nicht genug. Stellt sich die Weisheit personifiziert als Frauengestalt in den ersten Kapiteln des Buches der Sprichwörter mit zwei eindrucksvollen Reden vor (Spr 1,20-33; 8,1-36), begegnet sie uns etwas später an den belebten Plätzen der Stadt.

Hier lädt Frau Weisheit die Einfältigen und Unerfahrenen ein, auf sie zu hören und ihr zu folgen. Die Weisheit in Person verkörpert aufrichtige Rede und guten Rat, sie vermittelt Regierungskunst und gelingendes Leben. Sie tritt als Prophetin auf, die für Recht und Gerechtigkeit eintritt und ihre Zuhörerschaft zum Gehorsam aufruft (Spr 1,22-30).

Viele Bibelstellen bezeugen die weibliche Seite des jüdisch-christlichen Gottes

Die weibliche Seite des jüdisch-christlichen Gottes findet sich noch an zahlreichen anderen Bibelstellen.
So e
twa im Buch Jesaja, hier spricht Jahwe von sich: „Wie eine Gebärende will ich nun schreien,  ich schnaube und schnaufe.“ (Jes 42, 14).
Oder: „Hört auf mich, ihr vom Haus Jakob, und ihr alle, die vom Haus Israel noch übrig sind, die mir aufgebürdet sind vom Mutterleib an, die von mir getragen wurden.“ (Jes 46, 3f)
Oder: „Wie eine Adlermutter ihre Jungen ausführt und über ihnen schwebt, breitete er seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.“ (5.Mose 32,11+12)

Der Prophet Hosea spricht von Gott unter anderem als liebevoll sorgende Mutter: „Ich war für Israel da wie eine Mutter, die den Säugling an ihre Wange hebt und ihm zu essen gibt.“ (Hos 11)

Weitere Beispiele gefällig: Die Gottheit als stillende Mutter (Jes 49,15), als Geburtshelferin (Ps 22,10+11), als Bärenmutter, als Löwin (Hosea 13,8), als Haushälterin (Ps 123, 2b), als Bäckerin (Mt 13,13).

Welchem männlichen Gott würden solche Vergleiche einfallen? Das oft verwendet Prädikat Gottes, das Erbarmen (rachamim) kommt von rächäm (= Mutterleib). Die Gnade Gottes chäsäd (griech. Charis) ist weiblich! Gott „empfing“ Israel, trägt es an der Brust, „am verborgenen Ort“ (= Schoß), wie eine Mutter tröstet er sein Volk. Und für Matthäus ist Gott ist wie eine Henne, die ihre Küken unter die Flügel nimmt (Mt 23,37)

All dies lässt auf die Göttin Sophia schließen. Und diese große (etwa 4000 Jahre alte) Weisheitsgöttin war auch noch lange lebendig und wurde verehrt.

Leichte, kreativ-weibliche Lebenslust als Problem

Allerdings wurde sie für die späteren jüdischen und christlichen Vertreter dieses Gottes auf Erden ein „Problem“: Dieses Sinnbild der leichten, kreativ-weiblichen Lebenslust, der nährenden und schützenden Mutter kann natürlich leicht die Macht von einem strafenden, zürnenden, eifersüchtigen Gott unterminieren — und damit ist die Macht der Kirchenväter und aller Männer gefährdet.

Also wurde sie mit dem Aufkommen des Patriarchats und der damit einhergehenden Unterdrückung des Mutterrechts zur Zeit des Hellenismus (4. Jhdt. v.u.Z) aus Kultur und Alltag verdrängt.

Hand in Hand ging damit auch die Übertragung zahlreicher Namen und Insignien der alten Muttergöttinnen auf die neuen männlichen Herrschergötter. So wurde aus „Iahu“, einem Beinamen der Astarte, der „Heilige Taube“ bedeutet, der strenge Vatergott der Israeliten „Jaweh“. Aus „Hawwa-Eva“, einer anderen Göttin Jerusalems, die mir ihrer Urschlange alles Leben hervorbrachte, wurde „Jehova“.

Die vorhin geschilderte Version der biblischen Schöpfungsgeschichte erinnert auch an andere Kulte und Religionen, in denen durch weibliche Kräfte ein Gott wirken kann: An die von Zeus verschlungene Metis, mit deren Weisheit der Göttervater die Welt erschuf; an Devi, mit deren alleinigen Kraft, der Gott Brahma erschaffen, Vishnu erhalten und  Shiva zerstören kann bzw. auch an Eurynome und Ophion, der damit prahlte, dass er der höchste Schöpfer sei, der alle Dinge geschaffen hatte.
Worauf ihn ihm die Göttin die Zähne ausschlug. Etwas, was Sophia offenbar verabsäumte.

Schöpfungsgöttin wird zu Heiligem Geist

Die Weisheits- und Schöpfungsgöttin Sophia wurde daher also zunehmend als Heiliger Geist, als geschlechtsloses sphärisches Wesen, als Vogel dargestellt. Jüdische Weise, die damals im Exil lebten, glaubten, sie wohne im Tempel von Jerusalem in Gestalt der Tauben, die dort nisteten.

So wurde die Taube zum Symbol der Sophia — ein Symbol, das sie mit einer Reihe anderen alten großen Göttinnen gemein hat: mit Ischtar, Astarte, AnahitaEurynome und später auch mit Aphrodite und der Venus. Sophia befindet sie sich damit auch in guter Gesellschaft zahlreicher weiterer geflügelter bzw. Vogel­göttinnen, wie Isis, Badb oder Mut.

Und als die Kirche römisch wurde, erlitt sie durch den grammatikalisch eindeutig männlichen Begriff „Spiritus Sanctus“ ihre letztgültige Geschlechtsumwandlung.

Weiblicher Pol der christlichen Dreifaltigkeit

In Wahrheit ist jedoch dieser Heilige Geist bzw. die Höchste intuitive Weisheit der weibliche Pol der christlichen Dreifaltigkeit. Das zeigt sich in der Darstellung Gottes als Auge in einem Dreieck.

Wenn Gottvater das Auge ist, dann ist das ihm umgebende Dreieck die Kraft von Sophia, in die er sozusagen eingebettet ist. Sie stellt als symbolhaftes Dreieck die dreifaltige Ausprägung der Lebenszyklen von Geburt, Tod und Wiedergeburt dar, ist Ausdruck der uralten Göttinnen-Triade, aus Jungfrau, Mutter und Weiser Alten, zeigt die drei Phasen weiß, rot und schwarz, aus der alles Leben entsteht (näheres dazu siehe: Die dreifache Göttin).

Sophia bedeutet daher immer Vollkommenheit. Ein in sich geschlossener Zyklus. Der byzantinische Kaiser Michael Palaiologos bezeichnet in seinem Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1274 den Heiligen Geist als „vollständigen, vollkommenen und wahren Gott“

Die große Stille hat ausgeatmet …

Nach Auffassung eines gnostischen Schöpfungsmythos hat Sophia sogar eine Familie – Mutter und Kinder. Geboren wurde Sophia demnach von der großen, unendlichen Stille, personifiziert als Göttin Sige.

Damit ist Sige die eigentliche Schöpfungskraft, aus der alle Weisheit (Sophia) entstanden ist. Die große Stille hat ausgeatmet und einen Klang hervorgebracht. Dieser wird oft auch als „Wort“ übersetzt. Und so wird Sophia auch als das erste Wort — den Logos der Schöpfung verstanden.

Damit bekommt auch das Bibelzitat: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.“ (Johannes 1,1-2 ) eine weitere Bedeutung: Wer war von Anfang an bei Gott?

Sophia, die weise Göttin des ersten Worts, des ersten Klangs der Schöpfung. Auch die Mythen vieler anderer Völker erzählen: Die Welt wurde aus einem Klang erschaffen und dieser Klang hallt wie ein Echo immer noch nach und nach und nach. Und in diesem Klang liegt die ganze Wahrheit und Weisheit (siehe auch Echo).

Jesus und Achamoth

Einige gnostischen Traditionen sahen in der Sophia sogar die eigentliche Mutter Christi. Neben diesem männlichen Kind, soll sie auch einen weiblichen Geist –  die Achamot  geboren haben. Diese lichtvolle Tochter der Sophia brachte die Elemente und das Leben auf der irdischen Welt aus sich hervor. Danach brachte Achamot den neuen Gott Ildabaoth (Sohn der Dunkelheit) und weitere fünf planetarische Geister zur Welt. Diese wiederum sollen die Erzengel, die Engel und schließlich die Menschen geschaffen haben. Ildabaoth oder Jehova wollte nicht, dass die Menschen von der Frucht der Erkenntnis essen, doch Achamot sandte ihren eigenen Geist in Form der Schlange Ophis zur Erde, um den Menschen zu lehren, diesem eifersüchtigen Gott ungehorsam zu sein.

War die paradiesische Schlange Christus persönlich

Im gnostischen Glauben wird diese Schlange auch als Christus bezeichnet, der den ersten Menschen lehrte, von der Frucht der Erkenntnis zu essen. Später soll Sophia Christus erneut zur Erde gesandt haben, daher auch die Idee, dass sie die wahre Mutter von Jesus sei. Immerhin hat Maria Jesus durch den Heiligen Geist empfangen.

Sige, Sophia und  Achamot bilden auch eine weiblichen Ur-Dreiheit der Großen Göttin. In der russischen Religionsphilosophie sind die Töchter der Sophia Vera (Glaube), Ljubów (Liebe) und Nadjéshda (Hoffnung). Auch die jüdische „Weisheitsliteratur“ ist dem Kult der Sophia, die im mittelalterlichen jüdischen Kabbalismus als die Schechina Gottes wieder erschien, sehr verpflichtet.

Die Weltseele geboren aus einem Lächeln

Und Sophia machte sich im Laufe der Jahrtausende auch immer wieder bemerkbar und lebte im Bewusstsein vieler weiter: Für die GnostikerInnen (eine religiös-philosophische Bewegung im 2. und 3. Jhdt. nuZ) war Sophia die Mutter der gesamten Schöpfung. Sie sagten, die Weltseele würde aus ihrem Lächeln geboren.

Jehovah war ihr Gefährte und Gehilfe. Das gnostischen Philippusevangelium behauptet hingegen, Sophia sei die „Gefährtin“ des Christus als sein weibliches Pendant. Diese Mittlerfunktion der Weisheit/Sophia wurde dann mehr und mehr abgelöst vom Logos, der (im Griechischen) männlichen Vernunft, als deren Personifikation oder besser Inkarnation dann Jesus Christus gilt.

Die ursprüngliche Kraft von Sophia stellt allerdings eine sehr notwendige Ergänzung zur Logos und Ratio dar — jenem Wissen, das erschreckend schnell voranschreitet, das oft nur dem Egoismus oder dem Profitstreben dient und wo Weisheit gering geschätzt wird. Auch der heutigen Zeit, die vom männlichen Logos, vom rein fakten- und intellektbezogenen Wissen beherrscht wird, würde eine Renaissance der Sophia gut tun, denn nur das ist weise, was auch von Innen her erfahren wird.

Mystikerinnen versuchten die Tradition der Sophia wieder zu beleben

Im Mittelalter tauchte Sophia als „Dame der Weisheit“, unter dem lateinischen Namen Sapientia wieder auf. Die Mystikerinnen (u.a. Hildegard von Bingen, Teresa von Avila und die Beginenbewegung) versuchten die Tradition der Sophia wieder zu beleben.

Sie zeigten, dass ihre Inspirationen und die Einsicht ins Göttliche nicht in erster Linie durch intellektuelle Handlungen entstanden. Das brachte viele Mystikerinnen in Verruf, denn indem sie Eingebungen hatten, verkündeten sie das, was nur Gott wissen konnte. Dies inspirierte jedoch in der Folgezeit viele Philosophen der Renaissance.

Hingebungsvolle Verehrung durch die östlichen ChristInnen

Auch die östlichen ChristInnen verehrten Sophia noch sehr lange hingebungsvoll. Sie ist die mythische göttliche Gestalt besonders in den orthodoxen Kirchen Russlands, Griechenlands und anderer Staaten.

Als Ikone wird Sophia im Mittleren Osten stets mit Sternen gekrönt dargestellt, was ihre absolute Göttlichkeit unterstreichen soll. Es gibt viele Kathedralen, die der Sophia gewidmet sind. Eindrücklichstes Zeugnis dieser Sophien-Verehrung ist ihr heiliger Schrein — die im sechsten nachchristlichen Jahrhundert erbaute Hagia Sophia in Istanbul, die zu den sieben Weltwundern zählt.

Degradiert zur „Eisheiligen“

Die römischen Christen waren von diesem wunderbaren Monument für die Große christliche Göttin in Istanbul so peinlich berührt, dass sie behaupteten, es sei einer St. Sophia, einer der vielen „Jungfrau-Märtyrerinnen“ geweiht.
Üblicherweise gibt es zu diesen Märtyrerinnen ausführliche Legenden, die ihre Herkunft, den Grund und die Methode der Folter in drastisch-grausamer Weise beschreiben. Zu dieser Santa Sophia findet man allerdings nur einige spärlichen Angaben, sodass man davon ausgehen kann, dass hier schnell eine erfundene Märtyrerin aus dem Hut gezaubert wurde, damit die Größe der alten Göttin nicht erkannt werden kann. 
Diese Märtyrerin Sophia soll angeblich um 304 während der Diokletianischen Christenverfolgung das Martyrium erlitten haben. Mehr ist von ihr nicht bekannt. Die Heiligenvita der St. Sophia von Rom wird meist mit jener der heiligen Sophia von Mailand vermischt. Diese war eine wohlhabende Witwe, die sich nach dem Tod ihres Mannes nichts sehnlicher wünschte, als in Rom das Martyrium zu erleiden. Sie wurde damit zur „Schutzpatronin der Witwen und Helferin in Not und Bedrängnis“.

Santa Sophia — die von Rom — erscheint uns übrigens immer Mitte Mai als „Kalte Sophie“, der letzten der „Eisheiligen“. Im frommen katholischen Brauchtum wird sie Sophia wird gegen Spätfröste und für das Gedeihen der Feldfrüchte und reiche Ernten angerufen. Das wiederum erinnert wieder an Sophia — die „Heilige Geistin“. Diese steht natürlich als Schöpfungsgöttin nicht nur für die ursprüngliche große Weltenschöpfung sondern auch für die „ganz normale Schöpfungskraft“, die ja ständig stattfindet. Und daher bringt Sophia auch die Pflanzen und Feldfrüchte und damit Nahrung für die Menschen.
Laut Bauernregel wird das milde Frühlingswetter erst mit Ablauf der „Kalten Sophie“ stabil. Sie zieht also einen Schlussstrich hinter das kalte Wüten von Pankratius, Servatius, Bonifatius. Und ist damit auch eine Frühlingsgöttin.

Moses und Paulus trinken an ihren Brüsten

Die Verehrung der Weisheit ist eine im Alten Israel und seiner Umgebung weit verbreitete religiöse Bewegung, die sich im Hiobbuch, in den Sprüchen und in Erzählungen niedergeschlagen hat, wie zum Beispiel der von Schifra und Pua.
Die Weisheit wird in den frühen christlichen Gemeinden mit Jesus und mit der Gottesmutter Maria identifiziert.

Sie wird auch von alters her mit Brüsten dargestellt, die Milch spenden: Hier ist Sophia-Weisheit die königliche Frau, die auf einem Thron unter einem Baldachin sitzt, in weitem Gewand und kostbaren Hermelinpelzmantel.

Sie umfängt mit ihren Armen zwei Männer, die vor ihr knien, sich die Hände reichen und an ihrer Brust trinken. Dies sind vermutlich Moses und Paulus, die die beiden Testamente vertreten.

Die schwarzen Madonnen – Göttinnen aus dem Chaos

In den katholischen Mythen taucht Sophia oft als „Maria-Sophia“ auf. Immer,
wenn wir einer schwarzen Madonna begegnen, könnte damit nicht Maria sondern Sophia gemeint sein. Die Verehrung der schwarzen Madonna begann im 1. nachchristlichen Jahrhundert im südfranzösischen Languedoc.

Sechzehn Jahrhunderte später gab es in Frankreich bereits über zweihundert dieser ornamentalen schwarzen Madonnen. Sie tragen übrigens keine negroiden Gesichtszüge — ihre Hautfarbe ist einfach schwarz. Ein christliches Traktat aus dem 3. Jhdt. gibt die Erklärung dafür: Die Weisheit (Sophia) sei schwarz, weil sie bereits im Chaos existiert habe, noch bevor die Welt erschaffen wurde.

Unter der Sophia verstand man eben den „Geist Gottes, der über den Wassern schwebte“, welcher der Welt das Licht brachte, als „die Finsternis über der Tiefe war“ (Genesis 1:2).

Weisheit aus der Menstruation geboren

Über die Jahrtausende lächelt Sophia und überstrahlt sanft die patriarchalen Seltsamkeiten der monotheistischen Religionen. Diese Lichtstrahlen kommen immer dann durch, wenn es um Denkfähigkeit, Einsicht und Erkenntnis, um weise Entscheidungen, um weibliche Kreativität und Intuition geht.

Nicht von ungefähr wird Sophia auch als der Geist der göttlichen Erkenntnis bezeichnet, die durch die Menstruation, den ‚Lichtsamen der Sophia‘ zum Vorschein kommt. So wird aus der Menstruation Weisheit geboren. Diese weibliche Weisheit zeigt sich in inneren Bildern und Intuition, die ihren Sitz in der Gebärmutter hat.

Strömendes Herz der Weisheit und Nahrung

Erich Neumann hat in „Die Große Mutter“ eine einfühlsame und eindrückliche Beschreibung der Weisheitsgöttin Sophia gegeben:
„Es ist im Unbewussten der gebärenden und nährenden, schützenden und wandelnden weiblichen Kraft der Tiefe eine Weisheit wirksam, die der Weisheit des Tagesbewusstseins unendlich überlegen ist und die, als Ursprung von Vision und Symbol, Ritual und Gesetz, Dichtung und Wahrheitsschau, erlösend und Richtung gebend, gerufen und ungerufen, in das menschliche Leben eingreift. Diese weiblich-mütterliche Weisheit ist eine Weisheit liebender Bezogenheit, kein abstrakt ‚interesseloses‘ Wissen. So wie das Unbewusste reagiert und antwortet, so… ist die Sophia eine lebendig anwesende und nahe, eine liebende und immer gegenwärtige, eine dauernd anrufbare und eingreifbereite Gottheit, keine Gottheit, die in numinoser Ferne und weltentfremdeter Abgetrenntheit sich als dem Menschen unerreichbar erweist. Darum ist die Sophia als geistige Macht liebend und rettend, ihr strömendes Herz Weisheit und Nahrung zugleich.“ 
Und an anderer Stelle („Über den Mond und das matriarchale Bewusstsein“): „Diese Weisheit… ist auf das Lebendige bezogen in seiner unauflöslichen und paradoxen Einheit von Leben und Tod, von Natur und Geist, von Zeit- und Schicksalsordnung, von Wachstum, Sterben und Todesüberwindung. Dieser weiblichen Gestalt der Weisheit entspricht keiner unbezogenen abstrakten Gesetzesordnung, in der tote Weltkörper oder Atome im leeren Raum kreisen, sondern sie ist eine Weisheit, die mit der Erde, dem Wachstum des Organischen auf ihr und der Erfahrung der Ahnen in uns verbunden ist und verbunden bleibt.“

Gleichmut, Geduld, großen Überblick und tiefste Erkenntnisse

Die Urkraft von Sophia ist durch nichts zu erschüttern, denn alle Weisheit ist in ihr. Menschen, die mit dieser Kraft bewusst in Verbindung treten wollen, verleiht sie Gleichmut, Geduld, großen Überblick und tiefste Erkenntnisse.

Sophia bleibt nichts verborgen, sie begreift alle Dinge, alle Wesen und deren Natur, die Gesetze der Welt und ihre Zeitalter. Sie weiß, wie alles war, ist und sein wird. Sie besitzt eine Stärke, die allem gewachsen ist, die alles meistert; letztlich kann sich niemand gegen ihre weite und unbegreifbare Weisheit und ihre hoheitsvolle und ruhige Macht behaupten.

Aus dem Grund ist auch ihr Mitgefühl unbegrenzt und unerschöpflich. Sie ist nicht nur die göttliche Weisheit, aus der alles entstand  sondern eine Begleiterin für die Menschen durch die Zeit, denn sie hat nach wie vor „Lust an den Menschenkindern“.
Und sie ist lebendiger Beweis dafür, dass Weisheit nichts mit Ruhe, Stagnation, Langeweile zu tun hat. Denn ihre Natur zeigt sich im Verspieltsein, in der Fröhlichkeit, der Lust und der inneren Freiheit.

auch: Sapentia (griechisch), Hokmah oder Chokma (hebräisch)

 

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