Blodeuwedd – Walisische Erd-, Frühlings- und Blütengöttin

Blodeuwedd war nicht nur das blütenzarte Mädchen, denn in ihrem Wesen, das aus Wildpflanzen geschaffen war, verkörpert sie auch die unersättliche Erdgöttin.

Blumengesicht 

Da der Sonnengott Llew Llaw Gyffes auf Geheiß seiner Mutter, der Göttin Arianrhod keine menschliche Frau lieben durfte, ließen sich die zwei Magier Math und Gwydion etwas einfallen. Sie schufen ihm aus neun Arten von Wildblüten u.a. Eichenblüten, Besenginster, Primel, Mädesüss und Kornrade die Göttin Blodeuwedd, deren Name daher übersetzt „Blumengesicht“ bedeutet.

Sie war damit eine der lieblichsten Geschöpfe – gerade geschaffen für einen strahlenden jungen Sonnengott. Zum Lughnasadh-Fest Anfang August wurde die liebreizende Erdgöttin Blodeuwedd mit dem Sonnengott Llew Llaw Gyffes (Lugh) verheiratet.

Blütenzart und unersättlich

Doch was so romantisch begann, nahm einen interessanten Verlauf: Blodeuwedd war nämlich nicht nur das blütenzarte Mädchen, denn in ihrem Wesen, das aus Wildpflanzen geschaffen war, verkörpert sie auch die unersättliche Erdgöttin, die gierig das Blut des heiligen Königs sucht, um ihre Erde zu befruchten. Das Lughnasadh- oder auch Schnitter-Fest genannt, also der Zeitpunkt ihrer (Heiligen) Hochzeit, steht ganz im Zeichen der Ernte.

Alles, was die Erdgöttin reifen ließ, alles, was der Sonnengott mit seiner Kraft beschienen hat, wird ab nun abgeschnitten (= getötet). Damit verschenkt sich die Erde in der Ernte. Die Erde bleibt jedoch weiter bestehen, während der Sonnengott von Tag zu Tag schwächer wird und mit dem geernteten Getreide auch symbolisch stirbt — bis er wieder im kommenden Frühjahr an Pracht und Kraft gewinnt und sich neuerlich mit der Erde vermählen kann.

Der Mord an Llew

Der mythologischen Geschichte nach verliebte sich Blodeuwedd in einen anderen Mann, den Goronwy. Zusammen planten sie Llew zu töten.

Dieser konnte aber nur sterben, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt waren: Es durfte weder Tag noch Nacht sein, nicht innerhalb oder außerhalb eines Hauses, er durfte dabei weder reiten noch gehen und auch weder nackt noch bekleidet sein. Darüber hinaus musste er am Ufer eines Flusses über einen Kessel stehen und noch dazu mit einem Bein einen Hirsch berühren. Getötet konnte er dann auch nur mit einer speziell hergestellten Speerspitze werden. Bloeuwedd brachte ihn mit einigen Tricks dazu, genau diese Position einzunehmen.

So löste sie die Aufgaben, dass er nicht in oder außerhalb eines Hauses sein, und dass es nicht Tag oder Nacht sein darf, indem sie ihn bei Dämmerung unter einem Stroh gedeckten Dach platzierte. Schließlich tötete sie ihn mit Hilfe ihres neuen Liebhabers. Damit wird Blodeuwedd meist mit Attributen wie blutrünstig, treulos und verräterisch versehen.

Das Blut des sakralen Königs

Diese Geschichte kann allerdings als Allegorie auf die jahreszeitlichen Zyklen von Blühen, Reifen, Ernten und Vergehen und auf Fruchtbarkeitsriten und -gesetze verstanden werden und hat nicht wirklich etwas mit Treuebruch, Verrat oder Mordlust zu tun. Llew verwandelte sich nämlich nach dem Anschlag auf sein Leben und entfloh in in der Gestalt eines Adlers.

Er kam im nächsten Jahr wieder, forderte den neuen Liebhaber von Blodeuwedd heraus und konnte ihn mit einem Speerstich töten. Dies folgt den Mythen vieler Kulturen, in denen die Erde immer wieder neu (durch das Blut des sakralen Königs) befruchtet werden muss.

Sie opferten sich einander abwechselnd, um die größtmögliche Artenvielfalt (neun Wildpflanzen!) und somit den besten Ertrag der Gaben von Mutter Erde sicherzustellen. Blodeuwedd indes soll sich in eine Eule verwandelt haben, dem Vogel der Weisheit und der lunaren Mysterien, der Magie und der Prophezeiung, der scharfen, klaren Sicht bei Dunkelheit.

Die Eule galt als heiliges Tier, denn sie überbrachte Botschaften aus Nacht, der Unterwelt und von den AhnInnen. Blodeuwedd zeichnet sich mit ihren neun Pflanzen auch als Göttin mit neunfacher Kraft aus.

auch: Blodwin, Blancheflor / ausgesprochen: blo-DOY-weth

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