Die Erinnyen galten im griechischen Altertum sowohl als Rache- als auch Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung.

Die verwandelten Zürnenden

Die Erinnyen galten im griechischen Altertum sowohl als Rache- als auch Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung.
Ursprünglich waren sie, die auch die „Zürnenden“ genannt werden, vielleicht Gewittergöttinnen.
Bekannt sind sie vor allem, weil sie die Personifizierungen des Vergeltungsgedankens und des schlechten Gewissens waren. Sie leben unter der Erde und steigen hinauf, um alle zu verfolgen, die Unrecht auf sich geladen hatten. 

Unbarmherzig und erbarmungslos

Sie hören auf die Klagen der Sterblichen und verfolgen unbarmherzig die Schuldigen: Sie bestraften rigoros alle Verstöße gegen die menschliche Gesellschaft wie Lüge, Meineid, Wortbruch, Falschaussage, die Verletzung der Gastfreundschaft sowie bestehender Sitten, geheiligter Bräuche und Konventionen und vor allem den Mord an Blutsverwandten.
Sie sind gerecht, aber erbarmungslos und lassen keine mildernden Umstände gelten. Allerdings sind sie nicht unerweichbar, wenn ihre Opfer gebüßt haben und von ihrer Schuld gereinigt sind, lassen sie von ihrer Verfolgung ab.
Das berichtet Aischylos, der älteste der drei großen Dichter der griechischen Tragödie.

Verteidigerinnen mutterrechtlicher Prinzipien

Im matriarchalen Kontext gelten sie als Verteidigerinnen mutterrechtlicher Prinzipien, denn die Ansprüche der Mütter wurden unter allen Umständen und zu allererst von ihnen verteidigt.
Sie stehen auch im Zusammenhang mit Totenkult und Fruchtbarkeit.

In älteren Zeiten wurde von ihnen in einer unbestimmte Zahl berichtet, später erscheinen sie meist zu dritt:

  • Alekto (griech. Ἀληκτώ), die Unaufhörliche , die niemals rastende
  • Megaira (griech. Μέγαιρα, deutsch auch „Megäre“), der neidische Zorn
  • Tisiphone (griech. Τισιφόνη, auch: Teisiphone), die Vergeltung oder die den Mord Rächende; sie wird auf griechischen Amphoren oft mit Hundekopf und Fledermausschwingen dargestellt.

Aus Angst und gesunder Vorsicht wurden die Erinnyen allerdings nie beim Namen genannt.
Die Erinnyen konnten auch als eine einzige – Erinnys, „Rache“ – angerufen werden. Diese war damit zusammen mit Dike, „Gerechtigkeit“, und Poine, „Strafe“ eine der drei Helferinnen der Nemesis.

Es gibt mehrere Versionen zu ihrer Herkunft bzw. ihren Eltern.
Nach Hesiod wurden die Erinnyen von der alten Mutter- und Erdgöttin Gaia geboren, nachdem diese die Blutstropfen des von Kronos entmannten Uranos aufgenommen hatte.
Nach anderen Erzählungen sind sie Töchter der Nacht (Nyx) oder aber auch Töchter der Gaia und des Skotos, der Dunkelheit.
Bei den Orphikern galten Persephone und Hades als Eltern der Erinnyen.

Treiben Opfer in blanken Wahnsinn

Ihr Aussehen wird als furchterregend beschrieben: Mit schwarzer Hautfarbe und Federmausflügeln und in graue Gewänder gekleidet. Ihr Geruch war unerträglich und aus ihren blutuntelaufenen Augen fließt giftiger Geifer. Blutklumpen, die sie mit ihrer Beute verschlungen haben, speien sie wieder aus, aus ihren Haaren wachsen Schlangen, in ihren Händen tragen sie Dornenpeitschen und Fackeln.

Sie verfolgen ihre Opfer wie Hunde von einem Ort zum anderen durch die ganze Welt, verwirren deren Sinne, schlagen sie mit blankem Wahnsinn und schlingen um sie fesselnden Bande mit ihrem schaurigen Gesang.

Die bemerkenswerte Wandlung

Eine der berühmtesten Legenden um die Erinnyen erzählt der Dichter Aischylos. Er berichtet von ihrer rastlosen Jagd nach dem thebanischen Prinzen Orestes, der seine Mutter, Königin Klytämnestra, ermordet hatte. Der Gott Apollon hatte Orestes befohlen, den Tod seines Vaters, König Agamemnon, zu rächen, den Klytämnestra ermordet hatte. Die Erinnyen aber schenkten seinen Motiven keine Beachtung, sondern verfolgten und quälten ihn. Orestes wandte sich schließlich an die Göttin Athena, welche die Rachegöttinnen überreden konnte, Orestes’ Einwand zu akzeptieren, dass er von seiner Schuld gereinigt worden sei.
Als sie daraufhin fähig waren, Gnade walten zu lassen, verwandelten sich die fürchterlichen Furien in die Eumeniden, die „Wohlmeinenden“.

Zorn von Rache trennen

Diese Verwandlung ist das eigentlich interessante Element. Die Göttin Athena, die eine andere Rechtsauffassung hat, könnte die Erinnyen auch vernichten, das tut sie aber nicht. Vielmehr initiiert sie eine Verwandlung und bringt damit zu Wege, sie in das Gemeinwohl einzubinden. Sie werden mit purpurnen Festgewändern ausgestattet und nehmen beim Festzug eine aufrechte Haltung ein.

Und ab diesem Zeitpunkt werden sie den Menschen als Euminiden Wohlwollen entgegen bringen.
Darin kann man zwei zentrale Wandlungen erkennen:
Die erste besteht darin, dass Athena Rechtsinstitutionen schafft, um den endlosen Kreislauf der Blutrache zu durchbrechen.
Die zweite verwandelt die Emotionen, verändert die Empfindungen im persönlichen, wie im öffentlichen Bereich.
Wichtige Botschaft des Verwandlungsmythos‘ der Erinnyen ist es, den Zorn von der Rache zu trennen. Aischylos zufolge wurde hier nicht einfach ein Käfig um den Zorn errichtet, sondern er wurde von Grund auf verändert. Am Ende der Orestie-Trilogie von Aischylos werden die Erinnyen zu Eumeniden, und zwar, indem sie die ihren Rachegelüsten abschwören.
Es geht also nicht darum, Zorn auszuschalten, sondern dessen mobilisierendes Element zu nutzen.
Denn Zorn ist eine starke Kraft, weist auf Ungerechtigkeiten hin, bringt Dinge in Bewegung und ist oft auch notwendig, um Veränderung zu bewirken.
Zorn ist ein Gefühl, das Menschen ergreift, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen. Da fühlen wir uns eins mit den Erinnyen. Dieser Zorn kann durchaus in – auch lautstarkem und heftigem – Protest münden, allerdings ohne den Wunsch nach Vergeltung. Und hier geschieht die Wandlung hin zu den besonnenen und wohlwollenden Euminiden.
Die Konzentration muss der Zukunft gelten und zwar mit Hoffnung und Vertrauen, dass besseres möglich ist, sonst dreht sich der Zorn um sich selbst und vergiftet damit jeglichen Fortschritt.

auch: Erinyen, Furien (röm.), Maniai

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