In der japanischen Geschichte ranken sich einige Mythen um Tamayorihime. Zum einen soll sie eine normale Frau gewesen sein, die ein Kind von einem Geist bzw. göttlichen Wesen bekommen haben soll.Zum anderen ist eine alte Meeresgöttin.

Beschützerin der Kinder und Frauen

In der japanischen Geschichte ranken sich einige Mythen um Tamayorihime. Zum einen soll sie eine normale Frau gewesen sein, die ein Kind von einem Geist bzw. göttlichen Wesen bekommen haben soll.
Zum anderen ist eine alte Meeresgöttin, bzw. ein erdgebundener weiblicher Geist, der stark mit den Tiefen des Ozeans gebunden ist.

Sie gilt als jüngste von drei Töchtern der Meeres-Gottheit Watatsumi.
Tamayorihime steht für alle Arten des Wassers, wie sprudelnde Wasserquellen wie auch Körperflüssigkeiten – und hier vor allem jenen der Gebärmutter.

Als „dritte Tochter” des Meeres steht sie für den Westen, im Tageszyklus für die Abenddämmerung bzw. im Jahreszyklus für den Herbst. Das hat immer etwas mit Dämmerungszuständen zu tun, mit Nebel und Dunst, dieser ganz feinen Ausprägung von Wasser.
Vor allem aber auch mit Ernte. Sie steht für Frucht und Fülle – sowohl von den Feldern als auch der Gebärmutter.

Schwanger vom Kami

Ihr Name bedeutet in etwa „göttliche Braut”. Das führt auf folgende Geschichte zurück:


Tamayorihime, die einst eine sterbliche Frau war, wurde von einem Kami, einem göttlichen Wesen bzw. Geist namens Honoikazuchi geschwängert.
Die Liebesnächte mussten in der Dunkelheit geschehen, da Tamayorihime den Kami keinesfalls sehen durfte. 
Als sie schwanger war, wollte sie wissen, mit wem sie es zu tun hatte und wie der Vater ihres Kindes aussieht. 
Dazu nähte sie ein langes Seil in den Saum seines Gewandes. Am nächsten Morgen folgte sie dem Seil, das zu einer Höhle führte. Sie schrie hinein, dass sie sein Gesicht sehen wolle.
Aus der Höhle kam eine dunkle Stimme: „Du würdest vor Schreck explodieren”. Es klang so, als ob dieser Satz direkt vom Zentrum der Erde käme.
Unerschrocken fordert die Frau das Höhlenwesen weiter auf, sich zu zeigen, bis dieser endlich erschien: Ein schuppiges Monster, eine spitze Nadel steckte in seinem Hals.
Tamayorihime fiel in Ohnmacht.
Aber sie lebte weiter und brachte ihren Sohn Daida auf die Welt, der zum größten Helden von Kyushu wurde, der drittgrößten japanischen Insel.

Schwanger durch roten Pfeil

Eine andere Version über Tamayorihime und dem Zustandekommen ihrer Schwangerschaft: Sie ging am Fluss Ishikawa no Semi no Ogawa spazieren, als sie einen rot lackierten Pfeil fand, der gerade von der Strömung angetrieben wurde. Diesen hob sie auf, nahm in mit nach Hause und legte ihn zu sich ins Bett. Darauf hin wurde sie schwanger und bekam einen Sohn. Als dieser ein junger Mann geworden ist, veranstaltete sein Großvater für ihn ein Fest. Er schlug seinem Enkelsohn vor, jenem Mann eine Schale Reiswein anbieten, den er für seinen Vater hielte. 
Der junge Mann hielt die Schale über seinem Kopf in die Höhe. Darauf hin durchbrach er die Decke des Raumes und stieg in den Himmel auf.
Von seinem Großvater bekam er den Namen Kamo Wakeikazuchi (gespaltener Donner). Als sein eigentlicher Vater stellte sich Honoikazuchi-no-mikoto, der Gott des Feuers und des Donners heraus, der sich einst in den roten Pfeil verwandelt hatte. 

Die gute Tante

Eine weitere Version des Mythos erzählt, dass Tamayorihime ihre ältere Schwester Toyotamabime begleitete, als sich diese von ihrem Palast in den Meeretiefen zum Strand begab um dort ihr Kind zur Welt zu bringen, dessen Vater der Bergglückprinz Hoori ist, der drei Jahre lang bei seiner Geliebten im Meer gelebt hat.
Toyotamabime baute eine Gebärhütte aus Kormoranfedern, die zum Zeitpunkt der Geburt aber noch nicht ganz vollendet ist. Daher bittet sie den anwesenden Hoori, sie beim Gebären nicht zu beobachten. Dieser späht dennoch hinein und erblickt ihre wahre Gestalt und erkennt, dass sie ein Meeresungeheuer ist.  
Beschämt kehrt sie zurück ins Meer, lässt ihr Kind am Strand zurück, verschließt hinter sich den Pfad in das Meeresgefilde und trennt damit Wasser und Land. 
Der Name des Sohnes — Amatsuhiko-hiko Nagisatake Ugayafukiahezu no Mikoto „Sohn des himmlischen Prinzen Kormoranfeder-Bedeckung ist unfertig“ — erinnert an die Begebenheiten seiner Geburt. 
Ihre Schwester Tamayorihime blieb jedoch an Land, um ihren Neffen aufzuziehen. 
Damit wurde sie ganz allgemein auch zur Beschützerin aller Kinder. 
Schließlich wird die jüngere Schwester Tamayorihime Hooris Frau. Gemeinsam bekommen sie vier Nachkommen, darunter Jinmu Tennō.
Mit ihm endet das Götterzeitalter und es beginnt das Zeitalter der irdischen Kaiser. Tamayorihime ist damit die Stammmutter des japanischen Kaiserhauses.

Nach der Trennung von Toyotamabime und ihrem Sohn, überbringt Tamayorihime, die sich als einzige in beiden Elementen aufhalten kann, immer wieder Botschaften in Form von kleinen Versen zu Mutter bzw. Sohn.
Sie stellt damit seit alten Zeiten die Verbindung zwischen Meer und Land her und kann zwischen den Wesen beider Elemente vermitteln.
Diese ganze Geschichte wird ausführlich im bekannten japanischen  Mythos „Bergglück und Meerglück” beschrieben.

Spendet und beschützt Leben

Ganz gleichgültig, um welch Version des Mythos es geht, Tamayorihime wird immer als großes lebensspendendes, beschützendes und nährendes Element angesehen.
Als sterbliche Mutter eines „Gottessohnes” wurde sie zur „Urmutter”, vergleichbar mit der christlichen Maria. Ähnlichkeiten gibt es hier auch insofern, als sich ein „Gott” bzw. ein (heiliger) Geist eine sterbliche Frau als Mutter seines Sohnes ausgesucht hat und die Art der Zeugung irgendwie im Dunklen liegt. Auch Maria wird mit dem Meer („mare“, „Meerstern“) in Verbindung gebracht. 

Mit ihrem Wasseraspekt nährt und beschützt Tamayorihime alles, was heranwachsen soll – ihren Neffen, alle Früchte, die Kinder. Vor allem wird über sie auch gesagt, dass sie die Elemente Holz und Metall aus sich hervorbringt.
Sie ist auch die Erneuernde, die – als Göttin des Herbstes – dafür sorgt, dass sich die Erde regenerieren kann, damit sie im nächsten Jahr wieder neue Früchte hervorbringt.
Zur Erntezeit gibt es für sie ein Ritual zur „Befreiung des Lebens”. Dies wird von einem Priester ausgeführt, der ihr zum Dank für ihre lebensspendenden Kräfte Weihegaben anbietet.

Schützt vor Sommerkrankheiten

Generell sind ihre Themen auch Geburt, Reinigung und Gesundheit.
Ihr zu Ehren wird seit rund 3.000 Jahren das Tenjin-Fest gefeiert, das vor allem als Vorbeugung vor Sommer-Krankheiten genutzt wird. Dabei werden kranke Körperstellen mit einem Papier eingerieben, das zuvor auf dem Altar der Göttin gelegen ist. Dann wird das Papier in fließendes Wasser, dem Element der Tamayorihime geworfen – in der Hoffnung, dass sie die Krankheit davonträgt.

Bitte um leichte Geburt

Vor allem gilt Tamayorihime als die Beschützerin der Frauen, speziell jener, die unter mysteriösen Umständen schwanger werden.
Ihr Schrein Kawai Jinja in Kyoto wird als einer der wichtigsten Schreine Japans verehrt. Schwangere Frauen kommen hierher, um die Göttin um eine
leichte Geburt
zu bitten. Als Meeres- und Wassergöttin kann sie es ja auch ermöglichen, dass Kinder auf dem Fruchtwasser gut aus der Mutter herausfließen.
Darüber hinaus wird hier um das gesunde Aufwachsen von Kindern gebeten.
Weiters steht die Göttin auch für das Glück bei Heiratsvermittlungen und für glückliche Ehen, worum sie in ihrem Schrein ersucht wird.
Frauen zeichnen auf kleine runde Tabletts ihr eigenes Gesicht und hinterlegen es im Schrein der Göttin mit der Bitte um Schönheit.

auch: Tamayori-hime,Tamayorihime-no-mikoto, Tamayoribime, Tamayori-bime

%d Bloggern gefällt das: