Yhi – Aborigines-Göttin des Lichts, der Sonne und der Schöpfung

Yhi, die Sonnengöttin, lebte lang in der Traumzeit. Sie schlief bis ein Flötenton sie aufweckte. Als sie ihre Augen aufschlug, fiel das Licht auf die Erde und ihr Atem ließ die erfrorene Luft erzittern.

Strahlende Schöpfungskraft 

Das australisch-indigene Volk der Karraur erklärt die Schaffung der Welt mit einem Mythos, in dem die Sonnengöttin Yhi die entscheidende Rolle spielt.

Yhi, die Sonnengöttin, lebte lang in der Traumzeit. Die Erde lag zu dieser Zeit starr vor Kälte, über dem öden Land lastete eine lähmende Stille. Aus dem nackten Boden ragten allein die kahlen Gerippe der Berge empor, in den zerklüfteten Höhlen dämmerten die künftigen Lebewesen ihrer Vollendung entgegen. Yhi – so erzählt der Mythos – schlief bis ein Flötenton sie aufweckte. Als sie ihre Augen aufschlug, fiel das Licht auf die Erde und ihr Atem ließ die erfrorene Luft erzittern.

Dunkelheit wich ihrem Glanz

Langsam stieg sie zur Erde hinab, da wo sich die große Nullabor Ebene im Süden erstreckt. Dann schritt sie über die Erde, sie ging in alle Richtungen des Windes und die Dunkelheit wich ihrem Glanz.

Überall, wohin sie ihren Fuß setzte, sprossen Kräuter und Pflanzen, bis schließlich die ganze Welt in Wachstum erblühte. Bald war die ganze Erde mit Pflanzen, Früchten, Bäumen und Blumen bedeckt. Die Vielfalt ihrer Geschöpfe, die zartesten Gräser und die mächtigsten Bäume lebten in Frieden miteinander. Darauf beschloss Yhi, zu den Pflanzen etwas erschaffen zu wollen, das tanzen und sich bewegen konnte. Schmetterlinge, Bienen und Insekten jeglicher Art entstanden.

Dann strahlte sie mit ihrem Licht in die Eishöhlen im Gebirge. Eidechsen und andere Amphibien kamen zusammen mit zahllosen anderen Tieren wie Vögeln und Säugetieren heraus. Auch das Wasser schmolz aus seinem eisigen Zustand und sprudelte aus der Tiefe hervor, bewohnt von glitzernden Fischen

Yhi schlägt täglich im Osten die Augen auf

Aber letztendlich kehrte Yhi im Westen in ihre eigene Welt zurück, und als sie ging, kam die Dunkelheit zurück und legte sich auf die Erde. Die Geschöpfe, die von ihr erschaffen worden sind, bekamen es mit der Angst zu tun.

Als Yhi am nächsten Tag im Osten ihres himmlischen Heim wieder ihre Augen aufschlug, kehrte zur Freude aller ihr Licht zurück. Oft noch wiederholte Yhi diesen Vorgang, bis alle Lebewesen an den Wechsel von Tag und Nacht gewöhnt waren. Bei Tageslicht gingen sie ihren Beschäftigungen nach, des Nachts aber schliefen sie in Erdlöchern oder im Schutz der dichten Bäume. Selbst die bunten Blumen verschlossen im Dunkeln die Kelche, allein die Akazien hielten die ganze Nacht ihre zarten Blütenblätter geöffnet, weil sie fürchteten, in der Finsternis ihre Schönheit zu verlieren.

Mit Tagesanbruch verkündete das fröhliche Gezwitscher der Vögel die nahende Sonne, und in der frühen Morgendämmerung stiegen die Tautropfen zum Himmel empor, um Yhi zu begrüßen.

Die verdrossenen Tiere

Lange Zeit verging, die Tiere und Pflanzen verbreiteten sich über die Welt. Doch dann wurden mehrere Geschöpfe mit ihrer Gestalt und mit ihren Fähigkeiten unzufrieden. So waren die Vierbeiner traurig, weil sie nicht fliegen konnten, die Fische wollten nicht mehr im Wasser leben, weil sie das warme Sonnenlicht vermissten, ja selbst die kleinsten Insekten begannen zu murren. Ringsumher wuchs die Verdrossenheit, und niemand hatte mehr Freude am Leben.

„Aus formlosen Wesen habe ich euch ins Leben gerufen“, sprach Yhi. „Nun da ihr unzufrieden seid, so wählt selbst eure Gestalt.“
Die Kängurus, Kragenechsen, Fledermäuse und Fliegenden Füchse, die lang schnäbeligen Pelikane, die schwerfälligen Beutelbären und quakenden Frösche, sie alle und noch viele andere mehr wünschten sich damals die Eigenschaften, die sie auch heute noch besitzen.
Die Fledermäuse wollten lieber Vögel sein, deshalb können sie fliegen, obgleich ihnen keine Federn wachsen. Der Seehund, der des trockenen Landes überdrüssig war, zog es vor, im Wasser zu wohnen. Die Eule erbat sich große leuchtende Augen, um im Dunkeln zu sehen. Dafür ist sie nun tagsüber fast blind und haust in hohlen Baumstämmen, weil sie das helle Sonnenlicht schmerzt. Der Koalabär schämte sich wegen seines langen struppigen Schwanzes, um den ihn die anderen beneideten, also blieb ihm nur noch ein jämmerlicher Stummel übrig. Seitdem ist er in Gesellschaft des Dingo immer etwas verlegen, wenn dieser zur Begrüßung mit seinem prächtigen Schweif wedelt.
Sogar die winzigen Insekten brachten seltsamste Wünsche vor, deshalb sehen nun manche von ihnen wie Rindenspäne, dürre Zweige oder trockene Grashalme aus.

Blume verwandelte sich in eine Frau

So waren alle Geschöpfe wieder zufrieden. Es vergingen viele tausend Jahre, indem das Leben der Pflanzen und Tiere auf der Erde tanzte.

Dann entdeckte Yhi etwas Seltsames. Es war ein Mann und ihr wurde klar, dass er nicht zu den Dingen gehörte, die sie geschaffen hatte, und sie war verwirrt. Dieser Mann war ganz alleine. Nachts, während der Mann schlief, bündelte Yhi daher ihre ganze Kraft auf eine Blume, so dass diese prächtiger wurde als alles, was je eine Gottheit erschaffen hatte. Als der Mann erwachte, bestaunte er zusammen mit allen Tieren, die Yhi erschaffen hatte, ehrfürchtig die wunderschöne Blume. Da erblühte die Blume und verwandelte sich in eine Frau.

Sie sah den Mann an und fand Gefallen an ihm. Der Mann lief herum und ließ sich im Bemühen, sie zu beeindrucken viele Dinge einfallen, wollte nichts mehr, als die Frau glücklich machen. Sie fand das amüsant und erregend – und tatsächlich lachte die gesamte Schöpfung und freute sich an ihrer Paarung, da alle fanden,dass Mann und Frau gut füreinander waren.

Aufgabe des Mannes – Frauen Freude bereiten

Von da an besteht die Aufgabe des Mannes (woher immer dieser herkam) darin, die Frau, die ja von der Sonnengöttin persönlich geschaffen wurde zu beeindrucken und ihr Freude zu bereiten.

Yhi, die Sonnengöttin, hat sich nach ihrer großen Schöpfung wieder in den Himmel zurückgezogen. Sie bestrahlt aber immer noch alle Wesen mit Licht und Wärme.
Denn Frauen und Männern soll sie darüber hinaus Intelligenz und ein gesundes Seelenleben bescheren.

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