Estsanatlehi symbolisiert im Glauben des Volkes der Apachen und Navajo die ständige Veränderung und die stets fruchtbare Erde. Sie wandelt, was sie berührt, und aus ihrem Körper wuchs die Erde.

Die sich selbst Erneuernde

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Estsanatlehi symbolisiert im Glauben des Volkes der Apachen und Navajo die ständige Veränderung und die stets fruchtbare Erde. Sie wandelt, was sie berührt, und aus ihrem Körper wuchs die Erde. Als Schöpferin des Mais versorgt sie die Menschen mit Nahrung.

Sie – auch die „Gutherzige“ genannt – erschuf aus Maismehl und dem Staub von ihren Brüsten die Ureltern der Navajo. Aus ihrem Körper wuchsen die vier Berge, an denen sich die Navajo orientieren. Nach wie vor tanzt Estsanatlehi auf diesen vier Bergen – sie erschafft die Regenwolken am Berg des Ostens, wunderschöne Kleidung und Juwelen im Süden, alle Arten der Pflanzen im Westen und Getreide und die Tiere am Nord-Berg.

Gezeugt von Nacht und Morgendämmerung

Einer Legende nach wurde Estsanatlehi durch das Zusammentreffen von Nacht und Morgendämmerung gezeugt und auf einem Blumenbeet geboren, wo sie drei Regenbögen zudeckten.

Nach ihrer Geburt wurde sie von Altsé Asdzaa (Erste Frau) und Altsé Hastiin (Erster Mann) in Wolken gewickelt in einer Wiege gefunden, die von Blitzen und Sonnenstrahlen umgeben war. Estsanatlehi wuchs innerhalb von vier Tagen zur gereiften Frau heran. Sie brachte die Zwillinge „Monstertöter“ und „Kind-des-Wassers“ zur Welt.

Estsanatlehi ist die Mutter der Jahreszeiten und Zyklen – im Winter schläft sie unter der Decke aus Schnee. Im Frühling erwacht sie und weckt damit die gesamte Natur.

Sie erklärte den Navajo, wie sie ihr Leben in Übereinstimmung mit der Natur gestalten konnten, denn sie selbst spiegelt den ewigen Kreislauf der Natur wieder: Sie erscheint im Frühling als junges Mädchen, im Sommer als fruchtbare Frau, im Herbst als Erntegöttin und im Winter als Weise Alte.

If you can dream it, you can do it!

Estsanatlehi altert zwar, wandert dann nach Osten, bis sie sich selber trifft und kehrt als junge Frau immer wieder. Sie stirbt also niemals wirklich, sondern kehrt immer verjüngt mit neuen Lebens spendenden Kräften im Frühling wieder.

Mit ihrer Bezeichnung „Changing Woman“ steht ihr Name für die Ewige Natur. Als alte Erdgöttin ist sie die Erschaffende und Nährende, aber auch die sich Verwandelnde, die immer wieder für Überraschungen und für Verblüffung sorgt.

Alle Formen entspringen aus ihr. Sie ist die unbesiegbare Kraft der Natur.

Sie wird daher auch wegen der Magie der Jahreszeiten verehrt und die „die sich selbst Erneuernde“ genannt. Estsanatlehi steht für die Zyklen des Lebens, den ständigen Wechsel von Anfang und Ende.

Sie wechselt ihre „Kleidung“ – das drückt sich einerseits in den Farben des Regenbogens aus. Ein Regenbogen ist ja immer das Zeichen des Wechsels der Witterung von Sonnenschein und Regen. Oft wird Estsanatlehi daher mit vielen Farben gekleidet dargestellt. Andererseits wechselt sie ihre Kleidung und dessen Farbe im Laufe der verschiedenen Jahreszeiten.

Das drückt sich auch durch die anderen Namen aus, unter denen sie bekannt ist: White Shell Woman (weiße Muschelfrau) und Turquoise Woman (Turkisfrau). Ihre Hauptfarbe ist allerdings türkis. Dies ist die Farbe des Traumes, in dem sich alles wandeln und neu gestalten kann.
Nach der Überzeugung der amerikanischen UreinwohnerInnen geht nämlich jeder Handlung ein Traum (auch im Sinne einer Vorstellung, einer Vision) voraus. Zu handeln bedeutet, diese Träume „wach zu tanzen“.

Eine der Weisheiten von Estsanatlehi heißt daher: „If you can dream it, you can do it!“

Nachdem sie Erde und Menschen geschaffen hatte, zog Estsanatlehi sich als Herrscherin in ihrem Türkispalast im Lande der untergehenden Sonne (Totenreich) zurück, von wo aus sie den Menschen nur Gutes zukommen lässt, während Krankheit und Kriege aus dem Osten kommen.

Göttin der weiblichen Mondzyklen

Sie steht sowohl für das Rad der Zeit wie auch für die zeitlose Unendlichkeit. Sie ist die Göttin des Wissens und der Erinnerung, weil alles schon einmal da war und sie daher im ewigen Kreislauf alles kennt.

Sie ist auch die Göttin der weiblichen Mondzyklen und all der Zyklen rund um die Geburt, des Wachstums, des Alt-Werdens, des Todes und der Wiedergeburt. Sie blutet, doch sie stirbt nicht. Als Alte behaltet sie ihr Blut und wird weise.

Sie tanzt die Spirale entlang und wandelt sich fort und fort. Damit ist sie der Inbegriff aller Weiblichkeit.

Schönheit, Zeremonien und Unsterblichkeit

„Schreite in Schönheit“ – „walk in beauty“ ist der Gruß, der Estsanatlehi zugeschrieben wird. Sie verbindet uns mit allem, was lebt, und erinnert uns, dass wir mit den Steinen, Pflanzen, Tieren und den anderen Menschen in Frieden leben müssen, damit es allen gut geht.

Um Estsanatlehi – Changing Woman wurden viele Zeremonien kreiert, deren Hüterin sie auch ist. Die Gesänge ihr zu Ehren werden bei Hochzeiten, Initiationen, Riten rund um Kinder und andere glückliche Gelegenheiten dargebracht. Dazu werden pulverisierende Blüten, Maismehl und Blumenpollen auf die Erde gestreut, um diese zu segnen und sie fruchtbar zu machen.

Besonders wichtig ist sie bei Initiationszeremonien, bei denen Mädchen die Schwelle zur Frau überschreiten. Diese beginnt bei Sonnenuntergang, das Mädchen durchtanzt darauf hin die ganze Nacht mit speziellen Gebeten und Gesängen. Es werden Geschichten erzählt und ein Festmahl bereitet.
Viermal ​muss das Mädchen im Laufe dieser Nacht im Kreis herumlaufen. Die immer größer werdenden Runden symbolisieren die vier Lebensabschnitte – Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter.

Danach wird sie von einer älteren Frau massiert, damit wird ihr Körper in die rechte Form für das Leben gebracht.
Bei Sonnenaufgang steht sie schließlich nach Osten gerichtet still da und hat eine Muschelscheibe auf die Stirne gebunden. In dem Moment, wo das Sonnenlicht auf diese Muschel trifft, soll die Kraft von Estsanatlehi in die nun mehr junge Frau eintreten und sie sieben Tage lang erfüllen. In dieser Zeit wird durch komplizierte Rituale der wichtige Wandlungsprozess vollzogen und die Frau hat für den Rest ihres Lebens die Kraft von „Changing Woman“ und kann alle weiteren Veränderungsprozesse in ihrem Leben bewältigen.

Nach dem Glauben der Navajo sichert dieses Initiationsritual nicht nur dem Mädchen ein langes Leben, sondern bringt allen, die bei diesen Ereignis teilnehmen, Glück und Segen.

Die Navajo sind davon überzeugt, dass jedes Lebewesen eine innere und eine äußere Form hat, die immer wieder in Harmonie und Gleichgewicht gebracht werden müssen. Estsanatlehi repräsentiert die Synthese von beiden und hat dahe
r die Kraft, die Unsterblichkeit aller Leben und aller lebenden Dinge durch immerwährende Reproduktion (Wandel = Changing) zu erreichen.

Wandel – Vergänglichkeit, Sterben und Werden

Wann immer es um das Akzeptierten eines Wandels geht, wann immer Frauen Neues in ihr Leben rufen wollen, Dinge und Geschehnisse wandeln wollen, ist es gut, Estsanatlehi als Unterstützerin dazu zu rufen.

Sie zeigt auf, dass Dauerhaftigkeit eine Illusion ist und hilft zu erkennen, dass alles Leben einem stetigen Wandel unterliegt. Jenen, die versuchen gegen die Kräfte der Wandlung zu kämpfen, sendet sie hilfreiche und liebevolle Warnsignale.

Sie ist Gebieterin und fürsorgliche Begleiterin des Wandels der großen Lebensphasen – Pubertät, Geburt und Mutterschaft, Wechseljahre, Tod.

Sie hilft in neue persönliche oder berufliche Lebensphasen zu gehen und diese freudig zu begrüßen. Sie unterstützt Frauen in ihrem Zyklus, der sie jedes Monat mit Vergänglichkeit, Sterben und Werden und oft auch mit Hoffen und Bangen konfrontiert.

Und sie mag es besonders, wenn sie zu Freudenfesten gerufen wird, bei denen Schritte des persönlichen Wachstums gefeiert werden.

auch: Asdzáá NádleehéChanging Woman, Painted Woman (Apache), Wandelfrau, White Shell Woman, Turquoise Woman

 

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