Schlangengöttin – Kretische Muttergöttin, Göttin der Wandlung, Erneuerung, Lebenskraft und Heilung

Die Schlangengöttin bzw. Schlangenmutter wurde noch während der Bronzezeit auf Kreta, den Ägäischen Inseln und dem griechischen Festland verehrt. In der Welt der MinoerInnen, deren Kultur bis etwa 1500 v. u.Z. auf Kreta florierte, herrschte diese Muttergottheit.

Häutung, Schutz, Erneuerung

Schlangengöttinnen wurden in vielen Kulturen dieser Erde seit Anbeginn der Menschheit als Symbol von Lebenskraft, Fruchtbarkeit und Schöpfungskraft und als Inbegriff der Ehrfurcht vor dem Leben verehrt. Darstellungen von Schlangen sind seit dem Jungpaläolithikum (vor etwa 35.000 Jahren) bekannt.

Schlangenspiralen auf Stempelsiegeln aus Ton zeigen, dass die Spirale wahrscheinlich bereits um die Mitte des 7. Jahrtausends v.u.Z. als Symbol der Göttin in ihrer Erscheinungsform als Schlange galt. Nicht der Körper der Schlange gilt als heilig, sondern die Kraft, die von diesem zusammengerollten Geschöpf über seine eigenen Grenzen hinaus ausstrahlt und die umgebende Welt beeinflusst.

Prähistorische Hüterin der Quelle des Lebens

In der Schlange wird die prähistorische Hüterin der Quelle des Lebens gesehen, wie es in europäischen Volkslegenden immer noch zum Ausdruck kommt. Die Schlange und ihre Göttin taucht in der Symbolik des gesamten Alten Europas immer wieder auf. Sie wird mit Lebensschöpfung, Fruchtbarkeit und Wachstum und mit der Erneuerung absterbender Lebenskraft in Verbindung gebracht.

Eine nach oben windende Schlange symbolisiert die Lebenskraft, die als eine aus Höhlen und Gräbern aufsteigende Lebenssäule gesehen wird. Sie galt, sofern sie nicht ausdrücklich in ihrem todbringenden Aspekt dargestellt wurde, immer als gütiges, wohlwollendes Geschöpf.

Fayence-Figürchen im Palast von Knossos

Die Schlangengöttin bzw. Schlangenmutter wurde noch während der Bronzezeit auf Kreta, den Ägäischen Inseln und dem griechischen Festland verehrt. In der Welt der MinoerInnen, deren Kultur bis etwa 1500 v. u.Z. auf Kreta florierte, herrschte diese Muttergottheit. In der unterirdischen Grabanlage des zweiten Palasts von Knossos sind mehrere Fayence-Figürchen gefunden worden, die eine weibliche Gestalt darstellen, deren lange Gewänder mit Parallellinien und Spiralen verziert sind und um deren Körper, Armen, Taille, Unterleib und Kopfputz sich Schlangen winden.

Dies brachte auch Archäologen (hier bewusst in männlicher Form geschrieben) zu der Auffassung, dass eine matriarchale mutterrechtliche Kultur auf Kreta von einem Göttinnen-Bild geleitet wurde.

Die bekannteste Statuette der Göttin oder einer ihrer Priesterinnen wurde im zentralen Kultraum des Palastes von Knossos gefunden. Sie trägt ein Kleid mit eng gegürteter Taille und vielen Volants, ihre Brust ist entblößt, was charakteristisch für die minoisch-matriarchale Epoche ist. Auf dem Kopf trägt die Göttin einen stilisierten Panther, in ihren erhobenen Händen hält sie je eine Schlange. Eine weitere Elfenbeinfigur der Göttin zeigt auch eine elegant gekleidete, barbusige Frau mit schlanker Taille.
Sie trägt einen hohen Hut, um den sich eine Schlange ringelt. Ihre Arme, um die sich goldene Schlangen winden, sind weit vorgestreckt. Auch um ihren Unterleib und seitlich an ihren Brüsten hinauf winden sich Schlangen.

Es ist unklar, ob diese Figuren die Göttin selbst oder ihre Priesterinnen darstellen. In beiden Fällen ist sie so etwas wie die Mutter der Schlangen, da sie — Göttin oder Priesterin — diese Wesen pflegt, nährt und beschützt. Stolz und unerschrocken signalisieren diese Figuren zugleich erotische Ausstrahlung, Macht und Gefahr.

Heilige und hellsichtige Wesen

Die alte ägäische Welt verehrte in erster Linie Frauen und Schlangen. Die alterslose Schlange wurde ursprünglich mit der Großen Göttin selbst gleichgesetzt. Im vorklassischen Griechenland galt die Schlange als heilig. Schlangen häuten sich und gehen erneut aus diesem Prozess hervor. Ähnlich ist es bei Frauen, die ihre Monatshaut abwerfen und bluten, ohne zu sterben. Da sich die Schlange in Menschenaugen unendlich oft erneuern konnte, hielt man sie für unsterblich. Der Schlange wurde auch Hellsichtigkeit nachgesagt, weshalb die Schlange eines der Tiere der Göttin Gaia war.

Bemerkenswert ist, dass im, durch ein großes Feuer zerstörten, Palast von Knossos keinerlei Überreste von Menschen gefunden wurden. Dies, obwohl zu diesem Zeitpunkt nachweisbar Menschen im Palast lebten. Es wird vermutet, dass die Schlangen, die in den unterirdischen Gängen lebten und von den Priesterinnen gepflegt und beobachtet wurden, warndende Zeichen für Erdbeben und Feuer gaben. Insofern ist die Hellsichtigkeit der Schlangen mehr als begründet. Laut Hesiod war Gaia Pelope einer der vielen Namen der Erdgöttin Gaia. Im Orakel von Delphi taten Schlangenpriesterinnen (Pythea) ihren Dienst.

Wiedergeburt, Auferstehung und Erneuerung des Lebens

Die Göttin der Schlangen steht für Wiedergeburt, Auferstehung oder Erneuerung des Lebens. Bis zum Ende der Bronzezeit durften Männer an den religiösen Zeremonien nicht teilnehmen. Allmählich machten sich aber dominante Eroberer breit und es entstanden auch männliche (olympische) Gottheiten.

Die Schlange schlängelte sich aber auch bei diesen Olympioniken ein. So hat sie z.B. eine schützende und positive Rolle auf dem Schild der Athena, in der die viel ältere minoische Schlangengöttin weiterlebt. Auch die Göttin Hera erinnert mit ihrem Bad in den Quellen von Kanthos, mit dem sie alljährlich ihre Jungfräulichkeit erneuert, an die jährliche Erneuerung der Schlangen durch das Abstreifen ihrer Haut.

Schutzgeist eines jeden Heimes

Hera war ständig präsent, denn sie wurde in jedem Haus auf Kreta in Gestalt einer lebenden Schlange verehrt. Diese Schlange, manchmal auch mehrere, wurde in einem heiligen Schrein im Garten gehalten und gehegt und gepflegt.

Die Schlange, die auch ihr (Schutz)Wappen an ihren Orakelorten war, wurde so zu ihrem Schutzgeist eines jeden Heimes. Nicht nur in der jüdisch-christlichen Tradition gab es einen von einer Schlange bewachten Baum: In der altgriechischen Vorstellung stand im Garten der Hesperiden der lebensspendende Apfelbaum, der der Göttin Hera von Gaia geschenkt wurde und der von der Schlange Ladon bewacht wurde.< /p>

Die Schlange ist etwas Urtümliches und Geheimnisvolles, das aus den Tiefen der Wasser kommt, wo das Leben beginnt. Ihre periodische Erneuerung durch das Abstreifen der alten Haut und den Winterschlaf, macht sie zu einem Symbol für die Kontinuität des Lebens und die Verbindung mit der Unterwelt. Die Schlange ist ein weibliches Zeichen, das sich in regelmäßigen, wiederkehrenden Zyklen erneuert.

Therapeutische und beratende Funktionen

Im Asklepion, der antiken Heilstätte für Kranke, wurden im Namen der Göttin Schlangen gehalten und gepflegt, welche therapeutische Funktionen innehatten und in der Therapie Kranker Verwendung fanden. Den Tieren wurde sogar fruchtbarmachende Wirkung zugeschrieben. In Kreta, so berichtet man, gab es Schlangenverehrungsstätten, an denen man die Schlangen um Rat fragte.

In überlieferten Legenden und Glaubensvorstellungen sind Schlangen im Besitz von Zauber- und Heilkräutern. Ein Kraut, das von einer Schlange neben ein totes Kind gelegt wurde, erweckt dieses wieder zum Leben. Ein Kraut oder eine Blume, die einem neugeborenen Kind von einer Schlange gebracht wird, schützt das Leben des heranwachsenden Kindes, es wird weder im Krieg noch durch einen Unfall umkommen.

Diese weit zurückreichende rituelle und auch therapeutische Tradition ist wohl ein Grund, dass die Schlange bis zum heutigen Tag als medizinische Symbolgestalt in Verwendung geblieben ist.

Vielenorts noch immer sehr verehrt

Die Schlangengöttin wirkt aber noch in anderer Form bis heute und ihre Tiere werden in unterschiedlicher Form verehrt. Wenn Schlangen unter den Fußböden von Häuser leben, sagt man, sie brächten als Symbol der Erdgöttin Seminas Glück. Jede Familie schätzte sich glücklich, wenn sich eine grüne ungiftige Grasnatter an der Feuerstelle niederließ. Man füttert sie mit Eiern und Milch und beobachtet gewissenhaft, ob sie das Futter auch annimmt.

Diese Verehrung der Schlangengöttin und ihrer Gesandten sind besonders in baltischen Naturreligion immer noch weit verbreitet und ziehen sich bis in den alpenländischen Raum. Wenn die Schlange aus der Starre ihres Winterschlafes erwacht, feierten dies die Menschen als Auferstehung der Natur. In Schottland und Irland erweckt man zum Fest Imbolc (Anfang Februar) die Schlange symbolisch aus ihrem Winterschlaf und lockt somit die Lebensenergie des Frühlings. In Litauen heißt das entsprechende Fest „Schlangentag“, an dem die Schlangen vom Wald ins Haus kommen. In Italien wird in einem kleinen Dorf in den Abruzzen jeden Mai ein großes Schlangenfest zu Ehren der Göttin Angitia gefeiert. 

Märchenhafte Schlangen mit Krönchen

Ein wesentliches Identifikationsmerkmal der Schlange und damit auch der Schlangengöttin ist ihre Krone. Noch heute sind in Volksmärchen Schlangen mit einem Krönchen überliefert, diese gelten meist als Symbol für Klugheit und Reichtum, den die Schlangenkönigin auch jenen Menschen verleiht, denen sie gut gesonnen ist. Schlangenbildnisse und Statuetten werden zahlreich in alten Hausschreinen gefunden, was auf die Verehrung als Hausgottheit hinweist. In vielen anderen Kulturkreisen wirkte eine Schlangengöttin, die mit der minoischen verwandt ist: So gibt es in der indischen Mythologie Schlangengöttinnen, die auch dort mit den Erdgöttinnen eng verwandt sind: Ananta, die „unendliche Schlange“, behütete die Götter und Göttinnen in ihrem Schlaf zwischen zwei Inkarnationen. Die Schlange Kundalini liegt zusammengerollt im Becken der Frauen und symbolisiert deren lebensspendende Kraft. Dieser Mythos dieser Schlangengöttin wurde von tantrischen Gelehrten im Konzept der Kundalini-Kraft übernommen und noch heute gelehrt. Im vordynastischen Ägypten wurde die Schlangenmutter Wadjet angebetet. Des Weiteren kannten die Alten ÄgypterInnen die Mehem, eine Schlangengöttin, die des Nachts den Sonnengott Ra in seinem Schlaf umfasste.

Versteht die tiefen Geheimnisse des Lebens

Im Vorderen Orient stand die Schlange allgemein für Weisheit und Erleuchtung, welche die tiefen Geheimnisse des Lebens verstand. Diese Vorstellung hat in der biblischen Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies überlebt, wo die Schlange Eva die „Frucht der Erkenntnis“ überreichte.

Das gnostische Evangelium zeigt im Übrigen eine sehr interessante Sichtweise der biblischen Geschichte: Das weibliche Prinzip der Spiritualität kam von der Schlange, der Unterweiserin, die Eva lehrte und sprach: „Ihr werdet nicht sterben, denn es war Eifersucht, was er (der tyrannische Gott) euch da sagte. Im Gegenteil werden eure Augen geöffnet werden und ihr werdet den Göttern gleich werden und Gut und Böse unterscheiden.“
Hier hat offenbar die alte Schlangengöttin gesprochen.

Es ist aus ihrer und aus weiblicher Sicht eigentlich nicht wirklich nachzuvollziehen, was ein Gott dagegen haben könnte, wenn seine Geschöpfe Gut von Böse unterscheiden können. In der gnostischen Auffassung wurden Eva und die Schlange daher noch für das den Menschen zur Verfügung gestellte Wissen verehrt.
Erst die frauen- und sexualfeindliche Strömung, die sich des Christentums bemächtigt hat, verteufelten die Schlange und das Wissen und die Spiritualität, die durch sie die Menschen erlangt haben.

Von Germanien bis Australien

In der germanischen Mythologie spielt die Midgardschlange eine wichtige Rolle, die die Welt umspannt. Die Regenbogenschlange verkörpert in den Mythen der australischen Aborigines den Ur-Zustand der Natur im Zustand der Traumzeit und herrscht über ihre gleichermaßen lebensspendenden und verschlingenden Aspekte, insbesondere behütet sie das Wasser. Das archetypische Motiv Ouroboros wird häufig mit ein oder zwei sich in den Schwanz beißenden Schlangen dargestellt und symbolisiert die Unendlichkeit.

Die alte minoische Schlangengöttin ist aber vor allem in all jenen Frauen noch wach, die sich ihrer Lebens- und Schöpfungskraft besinnen. Sie hilft Frauen, sich immer wieder zu häuten und damit zu verjüngen und sich selbst neu zu erfinden.

Sie unterstützt den mystischen und — wenn es sein muss — auch den gefährlichen Charakter in jeder Frau. Eine Frau, die sich ihrer Schlangenhaut — besonders in herausfordernden Situationen — bewusst ist, flößt Respekt ein, kann zubeißen oder auch auf flinke und schlängende Art im Unterholz verschwinden.

Auffallend an den Figuren der Schlangengöttin sind auch ihre weit geöffneten Augen. Dies ist eine Aufforderung an Frauen, ihre Augen offen zu halten und wachsam zu sein, auf ihre natürliche Impulse zu achten und ihren Visionen zu trauen.  

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