Dictynna – Kretische Berggöttin, Göttin der wilden Natur

Dictynna wird einerseits als Göttin, andererseits auch als Nymphe beschrieben. Sie ist die Göttin des Berges Dikti, dem sie auch ihren Namen gegeben hat.

Die Grenzgängerin

Dictynna wird einerseits als Göttin, andererseits auch als Nymphe beschrieben. Sie ist die Göttin des Berges Dikti, dem sie auch ihren Namen gegeben hat. Er ist die höchste Erhebung des kretischen Lassithi-Gebirges.

Ihren zentralen Kultplatz hat sie im Westen Kretas an einem einsamen Punkt auf der Nordspitze der Rodopos-Halbinsel. Hier wurde im 9. Jhdt. v.u.Z. ihr zu Ehren in einer geschützten Bucht, die hinter einem senkrechten Felsen verborgen ist, eine kleine Siedlung und ein Heiligtum errichtet. Dies ist ein Platz, wo die Natur damals wie heute menschlichen Kultivierungsversuchen getrotzt hat.

Göttin zwischen Welten

Dies ist sehr typisch für diese Göttin, steht sie nämlich für die Grenze zwischen Natur und Kultur, dem Fremden und dem Vertrauten. Sie ist damit eine jener grenzgängerischen Göttinnen, die als Hagazusa, Urhexe oder auch „Zaunreiterin“ in beiden Welten blicken können.

In Kreta wurde sie vor allem von dorischen EinwanderInnen verehrt. Von hier aus verbreitete sich ihr Kult über die Inseln und die verschiedensten Gebiete des griechischen Festlandes, ihr wurde sogar in der von GriechInnen gegründeten Kolonie Marseille geopfert. Dictynna wurde an zahlreichen Stätten verehrt – auf Bergen, auf Vorgebirgen am Meer, in Küsten und Hafenstädten, als Schutzgöttin zu Wasser und zu Lande.

An manchen Orten ist Dictynna noch bis in spätere Zeiten als selbständige Göttin aufgefasst worden, allerdings ist sie auch mit anderen Göttinnen, wie Artemis oder Britomartis verschmolzen.
Mit Artemis gemein hat sie ihre Funktion als Gebieterin über Jagd und beschützende Wächterin über Schiffe, die Fischerei und die Seefahrt.

Mit Netzen aus dem Meer gefischt

Die Legende erzählt über sie, dass sie von Minos verfolgt wurde und dabei ins Meer stürzte. Eine Variante der Geschichte ist, dass sich Britomartis nach ihrer Errettung aus dem Meer erst in Dictynna verwandelt hatte. So soll Minos die von Artemis besonders geliebte Britomartis mit Liebeswerbungen bedrängt und sie neun Monate hindurch unablässig durch Kretas Bergwälder verfolgt haben.

Als er sie schließlich aufgespürt hatte, stürzte sich diese in ihrer Verzweiflung von einem hohen Felsen ins Meer. Mit Hilfe der Göttin Artemis wurde sie allerdings mit Netzen „diktya“ heraus gefischt. Artemis machte sie daraufhin zu einer Göttin und gab ihr den Namen Dictynna („die Gefangene mit dem Netz“). Oft ist sie daher auf Darstellungen mit einem Netz bekleidet. Andere Quellen behaupten, dass es zwei große Muttergöttinnen in Kreta gab — Britomartis als Gebieterin der Ostseite und Dictynna jener der Westseite der Insel.

Britomartis-Dictynna könnten aber auch zwei Seiten der Weiblichkeit symbolisieren – die verfolgte, gefährdete und die errettete, wiedergeborene Frau bzw. Göttin. Wie dem auch immer war, die Errettung der Göttin aus den Fluten beeindruckte besonders Seeleute und Fischer und es entstand um die Göttin Dictynna ein Kult.

Altäre und Kultstätten wurden errichtetet, zu deren Bekränzung nur Fichte und Mastix-Baum, aber keine Myrte verwendet werden darf, denn da sich ihre Gewänder in einen Myrtenzweig verfangen hatten, zürnte sie der Myrte. Der Mythologie zufolge wurden ihre Tempel von teuflischen Hunden geschützt, die stärker als Bären waren.

Zeus auf Dictynnas Berg versteckt

Bekannt ist Dictynna vor allem auch als Gebieterin des Berges Dikti, besagt doch die Legende, dass die verzweifelte Rheia auf diesem heiligen Berg Zuflucht fand, nachdem Kronos alle seine Kinder verschlang und sie ihren sechstgeborenen Sohn Zeus davor bewahren wurde. Sie fand Schutz am Berg der Dictynna. Dort wurde Zeus von der Bienengöttin Mellonia und der Ziegengöttin Amaltheia mit Honig und Milch genährt und von Nymphen großgezogen.

Da Dictynna immer wieder auch als Nymphe erwähnt wird, kann sie einer jener Zeus-Erzieherinnen sein. Die Kureten, ein schlagkräftiger neunköpfiger Trupp waffenstarrender Dämonen, sollen dabei am Dikti-Berg so laut auf ihre Schilde geschlagen haben, dass sie das Schreien des Säuglings übertönten und Kronos seinen Sohn nicht finden konnte.

Weibliche Macht und gesetzgebende Kraft

Dictynna ist die Göttin der Labrys, der Doppelaxt und sie wird auch mit einer Doppelaxt in jeder ihrer erhobenen Hände dargestellt. Dies veranschaulicht die weibliche Kraft und die Macht, die in der matriarchalen Kultur Kretas von den Frauen ausging.

Auf Münzen, auf Siegeln und Ringen der minoischen Kunst wird Dictynna bzw. Britomartis dargestellt. Sie trägt eine Zweihandaxt und wird von wilden Tieren und Ungeheuern begleitet. Dictynna schien auch eine Göttin der Gesetzgebung gewesen zu sein, die Wörter „Diktat„, was so viel bedeutet, wie „bestimmen“ oder „Vorschriften machen“ und „Edikt“ — Verordnung bzw. Erlass stammen aus der gleichen Wortwurzel wie ihr Name.

Göttliche Heilpflanze Diktamon

Sie soll den Menschen allerdings auch die Diktamon-Pflanze geschenkt haben, die nur auf Kreta wächst und auch als Diptam oder kretischer Bergtee bekannt ist. Dieser Lippenblütler ist ein Halbstrauch, der in Felswänden, sowie in Fels- und Schotterfluren wächst und dessen scharf riechende samtige Blätter als Arzneimittel immer noch verschiedenste Anwendungen finden.

In Kreta wird er wegen seinen aphrodisischen Eigenschaften auch Erontas (Liebe) genannt. Früher wurde ein Diktamon-Aufguss mit Wasser oder Wein Gebärenden zur Beschleunigung der Geburt gereicht. Zu Ehren von Artemis, die ja auch die Göttin der Geburten war, nannte man diesen Strauch auch „Artemideion“.

Schon Hippokrates beschreibt die therapeutischen Eigenschaften des kretische Diktam. Heute wird Diktamon vor allem als Tee bei Magen- und Verdauungsbeschwerden verwendet und dient als Grundlage zur Herstellung von Bitterschnäpsen.

Aristoteles berichtet in seiner Tierkunde von den wilden Ziegen, die, von giftigen Jägerpfeil getroffen, das Kraut der Dictynna aufsuchten und fraßen. Ihr Körper soll daraufhin das Gift ausgeschieden haben und die Wunde soll verheilt sein.

Aphrodite soll die Verletzungen des trojanischen Helden Aeneas mit Hilfe dieses Krautes geheilt haben. Dieses Wissen wurde lange Zeit erfolgreich angewendet. Damit hat Dictynna auch die Funktion einer Heilungsgöttin.

auch: Diktynna (die vom Berg Dikti bzw. Dictys), Artemis Dictynna, Dicte, Diktê

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