Ischtar – Große Göttin des sumerisch-babylonischen Pantheons

Ischtar ist eine sehr alte Muttergöttin. Sie ist die Himmelskönigin, die als Morgen- und Abendstern sowohl die Liebe als auch den Krieg entfacht, Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit.

Mutter des Wiederwerdens

Ischtar1

Ischtar ist eine sehr alte Muttergöttin. Sie ist die Himmelskönigin, die als Morgen- und Abendstern sowohl die Liebe als auch den Krieg entfacht, Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit.

Sie ist eine Göttin, welche die Erde und den Mond in sich vereint. Als lebensspendende und lebensnehmende Göttin wurde sie als die Mutter des Lebens und des Wiederwerdens verehrt. Ihr Name wird auch als „der Stern“ übersetzt, für uns heute deutlich erkennbar im englischen Wort für Stern (STAR).

Der Planet Venus ist im Übrigen erst seit einigen hundert Jahren nach der gleichnamigen römischen Göttin benannt, davor war sie Ischtar geweiht. Die namentliche Pluralform „ištaratu“ gilt als Begriff der „Weiblichkeit“.

Ischtar vereinigt in sich als Große Göttin eine Reihe an orientalischen Göttinnen, die oft nur regionale Verehrung genossen haben. Sie erscheint zudem auch als Ashtoret, Anath, Aschera oder Ester. Akkadische Quellen belegen, dass Ischtar mit vielen Göttinnen des nahen Ostens ident war — es werden Dea Syria, Astarte, Cybele, Aphrodite, Kore und Maria genannt.

Auf babylonischen Inschriften findet man für die Göttin viele Beinamen, wie Licht der Welt, Gebieterin der Heerscharen, Öffnerin des Schoßes, Gerechte Richterin, Gesetzgeberin, Spenderin der Kraft, Fügerin allen Ratschlusses, Gebieterin des Sieges u.v.m.

Vor allem aber ist sie eine spätere, vielschichtigere Ausprägung der älteren Göttin Inanna. Viel ihrer kultischen Verehrung (wie der sinnliche Tempelkult) und ihrer Geschichte (wie der Abstieg in die Unterwelt) ähneln bzw. gleichen einander.

Beide liebten einen Vegetationsgott (bei Inanna Dumuzi, bei Ischtar Tammuz). Dieser stirbt im Laufe der Jahreszeiten und wird wiedergeboren.
Beide steigen deswegen in die Unterwelt zur Unterweltsgöttin und aus dieser wieder empor.

Brüste als Nahrungsquelle

Ischtar wird oft als mütterliche Göttin dargestellt, die ihre schweren Brüste in den Händen hält, stützt bzw. diese darbietet. Das wirkt vielleicht auf den ersten Blick erotisch — als Geste sexueller Aufforderung. Das ist auch nicht falsch, denn in matriarchalen Kulturen galt Sexualität als heilig, weil dadurch Leben entsteht.

Aber es ist vor allem als Symbol einer nährenden Göttin zu verstehen —  eine Geste, die auf die eigentliche Funktion der Brüste hinweist, nämlich, um Milch zu spenden. Denn das, was sie aus sich hervorbringt, das nährt und schützt sie auch.
Alles ist im Fluss, die Menschen können sich immer sicher sein, dass die Göttin sie nähren würde — mit Muttermilch, Wissen, Lebensfunken …
Diese uralte nährende bzw. Fruchtbarkeitsgeste finden wir bei vielen Göttinnen, wie z.B. auch bei InannaAschera, Anahita oder Tanit.

Kriegerische und lustvolle Kräfte des Weiblichen

Ischtar ist ebenso leidenschaftliche Liebhaberin, wie leidenschaftliche Kämpferin.
Sie regiert den Himmel, den Mond und vor allem den Morgen- und Abendstern — Symbole für die abwechselnden kriegerischen und lustvollen Kräfte des Weiblichen.
Als Morgenstern legt die Göttin ihre Waffen an und spannt vor ihren Wagen sieben Löwen, um damit in die Morgendämmerung aufzubrechen.
Als Abendstern wird sie zur „Göttin des Verlangens und süßen Seufzens“, in deren Tempeln ihr zu allen möglichen Liebesdiensten bereite Tempelpriesterinnen dienen. Oft werden diese beiden Kräfte in einer Figur vereint und sind für Männer daher besonders gefährlich.

Weibliche Sexualität wird als bedrohlich empfunden. Deswegen wird von Ischtar auch behauptet, dass Hexen und Dämonen unter ihrem Schutz stehen und sie selbst eine große Zaubergöttin sei.

Die Angst des großen Helden Gilgamesch

Besonders Angst vor diesen Kräften hatte der große Held Gilgamesch, der sagenumwobene König von Uruk, zu Anfang des dritten Jahrtausend v.u.Z.

Er wies Ischtar, die Göttin von Uruk ab und behauptete, dass alle ihre Liebhaber dem Verderben geweiht sind, denn „alle, die leben und lieben, müssen sterben“ —  soweit die sinnige Aussage des Helden.

Leider zog er dabei nicht den Umkehrschluss, dass auch alle anderen dem Tod geweiht sind, allerdings ohne davor die Lebens- und Liebesfreuden der Göttin genossen zu haben.
Denn Ischtar ist das Leben selbst, dass immer zum Tode führt.
Und wer die Sexualität leugnet, verleugnet das Leben, wer den Tod leugnet, verleugnet das Leben und für so jemanden wird weder das Leben voll Freude noch der Tod leicht sein — so die mahnenden Worte der Göttin.

Interessant ist auch ein altbabylonischen Text zu Ehren von Ischtar, hier in seiner Übersetzung:

Ich flehe Dich an, Herrin der Herrinnen, Göttin der Göttinnen, Ischtar, Königin aller Wohnstätten, Lenkerin der Menschheit!
Irnini, du bist Herrschein, die größte der Igigi, Gewaltig bist Du, eine Fürstin.
Dein Name ist erhaben.
Du bist die Leuchte des Himmels und der Erde, starke Tochter des Sin, Du leitest die Waffen, setzest den Kampf ins Werk, Du verfügst über alle Kulte, mit der Herrscherkröne bist Du geschmückt, Herrin, herrlich ist Deine Größe, über alle Götter erhaben! 

Du Stern des Kampfgeschreis, die einträchtige Brüder in Streit bringt. 
Die einander ausliefern lässt Freund und Freundin, Herrin der Schlacht, die niederstößt meine Berge. Guschea, die mit Kampf bedeckt, mit Entsetzen bekleidet ist, Du vollziehst Strafgericht und Entscheidung, das Gesetz des Himmels und der Erde! Heiligtümer, Tempel, Göttersitze und Altäre harren auf Dich. 
Wo ist nicht Dein Name, wo nicht Dein Kult? 
Wo sind Deine Bilder nicht gezeichnet, wo Deine Altäre nicht aufgeschlagen? 
Wo bist Du nicht groß, wo du nicht erhaben? 
Anu, Enil und Ea haben Dich erhoben, unter den Göttern Deine Herrschaft groß gemacht, Haben Dich erhöht unter allen Igigi, haben Deinen Platz überragend gemacht! 
Beim Gedanken Deines Namens erbeben Himmel und Erde, Die Götter erbeben, es zittern die Anunnaki, Deinen furchtbaren Namen verehren die Menschen! 
Du bist groß und erhaben. </em >
Alle Schwarzköpfigen, die wimmelnden Menschen, preisen Deine Stärke! 

Das Recht der Menschen richtest Du in Recht und Gerechtigkeit.
Du siehst den Bedrückten und Geschlagenen an, du leitest uns recht Tag für Tag. Wie lange noch zögerst Du, Gebieterin des Himmels und der Erde, Hirtin der beschränkten Menschen?
Wie lange noch zögerst Du, Gebieterin des heiligen Eanna, des reinen Vorratshauses?
Wie lange noch zögerst Du, Gebieterin, deren Füße nicht erlahmen, deren Knie dahineilen?
Wie lange noch zögerst Du, Gebieterin der Schlacht und aller Kämpfe?
Du Herrlichste, Löwin der Igigi, die niederwirft die erzürnten Götter, Du Stärkste aller Herrscher, die die Könige am Zügel hält, die öffnet den Schleier aller Frauen, Du bist erhaben und fest gegründet, Heldin Ischtar, groß ist Deine Stärke!
Leuchtende Fackel des Himmels und der Erde, Licht aller Lande, Wütend in unwiderstehlichem Angriff, stark im Kampfe, Feuerbrand, der gegen Feinde aufleuchtet, der die Vernichtung der Mächtigen bewirkt, Bleich machende Ischtar, die die Schar versammelt. Göttin der Männer, Ischtar der Frauen, deren Ratschluss niemand erfährt.
Wo Du hinschaust, wird der Tote lebendig, steht der Kranke auf, Wird gerecht der nicht Gerechte, der Dein Anlitz erblickt!
Ich rufe Dich an, ich Dein elender, jammervoller, kranker Knecht!
Sieh mich an, meine Gebieterin, nimm an mein Flehen, Schau mich in Gnaden an und höre mein Gebet!
Meine Begnadigung sprich aus, und Dein Gemüt besänftige sich!
Die Begnadigung meines elenden Leibes, der voller Verwirrung und Unordnung ist, die Begnadigung meines kranken Herzens, das voller Tränen und Seufzer ist, die Begnadigung meiner elenden Eingeweide, die voller Verwirrung und Unordnung sind, die Begnadigung meines betrübten Hauses, das wehleidige Klagen ausstößt, die Begnadigung meines Gemütes, das satt ist von Tränen und Seufzern.
Irnini, erhabene, grimme Leu, Dein Herz beruhige sich!
Zornige Wildstierin, Dein Gemüt beschänftige sich!
Deine gnädigen Augen mögen auf mir ruhen!
Mit Deinem glänzenden Antlitz blicke mich in Gnade an!
Verscheuche die böse Verzauberung meines Leibes, Dein glänzendes Licht will ich sehen.
Wie lange noch, meine Gebieterin, sollen meine Widersacher nach mir blicken, in Falschheit und Unwahrheit, Böses gegen mich ersinnen?
Wie lange noch soll mein Verfolger, meine Nachsteller, gegen mich wüten?
Wie lange noch, meine Gebieterin, soll der schwache Tor über mich herfallen?
Gewandt hat sich gegen mich, der geringste Schwächling, die Schwachen sind stark geworden, ich aber bin schwach geworden.
Ich woge wie eine Flut, die der böse Sturm bedrängt, Mein Herz fliegt und flattert, wie ein Vogel des Himmels.
Ich klage wie eine Taube, Tag und Nacht, Ich bin niedergedrückt und weine jämmerlich, Von Weh und Ach ist mein Gemüt gepeinigt.
Was habe ich getan, mein Gott und meine Göttin, ich? Wie wenn ich meinen Gott und meine Göttin nicht fürchtete, geht es mir. Zuteil geworden sind mir Schmerz, Kopfkrankheit, Verderben und Untergang, Zuteil geworden sind mir Drangsal, Ungnade und Fülle des Zornes, Zuteil geworden sind mir Grimm, Wut, Groll der Götter und der Menschen.
Ich sehe, meine Gebieterin, Gericht, Verwirrung und Aufruhr, es packt mich Tod und Not! Verödet ist mein Altar, verödet mein Heiligtum, Über mein Haus, Tor und Fluren hat sich Trauerstille ergossen.
Meines Gottes Antlitz ist nach einem anderen Orte gewandt, Aufgelöst ist meine Sippe, meine Mauer ist zerbrochen, Ich harre auf meine Herrin, auf Dich ist mein Sinn gerichtet. Löse meine Schuld, mein Vergehen, meine Missetat und meine Sünde, Vergiss meine Missetat, nimm an mein Flehen!
Löse meine Fesseln und bewirke die Befreiung. Lenke meinen Schritt, dass ich strahlend als Herr mit den Lebenden die Straße ziehe.
Befiehl, dass auf Deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde, Dass die Göttin, die sich zürnend abwandte, wieder zurückkehre, Mein finsteres, düsteres Kohlenbecken möge wieder leuchten, Meine erloschene Fackel flamme wieder auf!
Meine aufgelöste Sippe sammle sich wieder, Mein Hof werde weit, geräumig meine Hürde!
Nimm an meine kniefällige Verehrung, höre an mein Gebet, schau mich in Gnade an. Wie lange, meine Gebieterin, grollst Du, ist voll Grimm Dein Gemüt?
Wende zurück Deinen Nacken, den Du abgewendet hast, zu einem Wort der Gnade richte Dein Antlitz!
Wie von dem lösenden Wasser des Stromes beruhige sich Dein Gemüt!
Auf meine Feinde lass mich treten wie auf den Erdboden, die auf mich zürnen, unterwirf mir, dass sie hocken zu meinen Füßen!
Mein Gebet und mein Flehen gelange zu Dir; Deine große Barmherzigkeit ruhe auf mir! Wer mich auf der Straße sieht, verherrliche Deinen Namen, Und auch ich will vor den Schwarzköpfigen Deine Gottheit und Deine Stärke preisen!
Ischtar ist erhaben, Ischtar ist die Königin!
Irnini, die Tochter Sin, die Heldin, hat nicht Ihresgleichen.

auch: Ishtar, Ištar, Ishhara, Irnini, Ištaratu

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