Lilith – Sumerisch-babylonische Königin des Himmels, erste Frau in der jüdischen Mythologie

Lilith wird als noch älter als die rund 5000 Jahre alte sumerische Göttin Inanna eingestuft und scheint damit die Ursprungsgöttin dieses Kulturraums zu sein.

Die autonome, widerspenstige, unbezähmbare Ahnin 

Lilith wird als noch älter als die rund 5000 Jahre alte sumerische Göttin Inanna eingestuft und scheint damit die Ursprungsgöttin dieses Kulturraums zu sein.

Windgeist, Nacht, Dunkelheit

Liliths Name wird von unterschiedlichen Sprachstämmen abgeleitet. Auf babylonisch heißt sie Lilitu, was „Windgeist“ bedeutet. Im Hebräischen heißt „lajela“ oder auch „lajil“ – die Nacht, die Dunkelheit. Auch im Arabischen heißt „layla“ die Nacht, die Dunkle oder die Schwarze.

Im Finnischen gibt es „Leila“ mit der Bedeutung „die Weise“. Der Hinweis, dass Lilith aus der Nacht, der Dunkelheit kommt, deutet auf sie als Schöpfungsgöttin hin (siehe auch Nyx). Als Symboltier wird ihr oft die Eule zugeordnet. Die Eule ist Sinnbild für Weisheit und Klugheit, aber auch ein Symbol für den Tod. Die Eule ist ein Nachtvogel. Und die Nacht wird vom Mond bestimmt, der wiederum für Vergänglichkeit und Wiedergeburt steht.

Auch hier also der Hinweis auf Lilith als Schöpfungs- und Schicksalsgöttin, die Gebieterin über Leben und Tod. Erwähnt wird die Göttin Lildu (Lilitu) bereits in altsumerischer Zeit im Zusammenhang mit der Erzählung Inanna und der Huluppu-Baum.

Hier sitzt sie unter den Ästen des Weltenbaumes, dessen Wipfel niedergebogen den Boden berühren. Die Göttin ist an einer Hörnermütze zu erkennen.

Hörnerkrone, Vogelkrallen und Flügel

Auch das altbabylonische Burney-Relief zeigt eine Göttin mit der vierfachen Hörnerkrone, die möglicherweise Lilith ist. Statt menschlicher Füße hat sie vogelähnliche Krallen. Ihre herabhängenden Flügel sind das typische Symbol einer Unterweltgottheit.

Als Herrschaftssymbol trägt sie Ring und Stab (gedeutet als Schlüsseln des Lebens) in den Händen. Flankiert von zwei Eulen steht diese Göttin auf zwei liegenden Löwen.

Erhaltene Farbreste bezeugen, dass diese Göttin ursprünglich einen roten Körper hatte. Ihre Flügel und die Mähnen der Löwen waren schwarz. Die Flügel der Eulen hatten im Wechsel die Farben rot und schwarz. Im unteren Bildbereich ist eine doppelte Schuppenreihe zu erkennen, Symbol für das Gebirge und das Land ohne Wiederkehr (Totenreich). Da es keine Bildbeschreibung gibt, bleibt offen, wen oder was das Burney-Relief wirklich darstellt. Wahlweise wird die gezeigte Göttin als Lilith, Inanna, Ischtar oder Anath interpretiert.

In sumerischen Keilschrifttexten wird Lilith „Geist“ genannt, was aber weniger mit „Gespenst“ sondern vielmehr im Sinne von „Spirit“ oder „Heiliger Geist“, Weisheit oder Ur-Inspiration zu deuten ist. Im hebräischen Talmud ist sie eine göttliche Titanin und erste Gefährtin Adams.

Sie wird wie Inanna als emanzipierte Frau mit geheimem Wissen und gefährlichen Machtmitteln sowie der Verfügungsgewalt über ein Fluggerät bzw. den „Vogel Zu“ geschildert. Im Talmud raubt sie die „goldenen Schicksalstafeln“, auf denen auch die besonders wichtige Formel „Shem Hemmeforash“ verzeichnet ist. Der Versuch der Elohim, der männlichen Götter, Lilith dieses Wissen wieder abzujagen, misslingt. Daher rächen sich diese an allen, die mit ihr zu tun hatten.

Erste Frau auf der Welt

Bekannt ist Lilith vor allem als erste Frau in der jüdischen Geschichte. Dies scheint auf einen frühen rabbinischen Versuch zurückzugehen, die sumerisch-babylonische Göttin Belet-ili oder Belili in die jüdische Mythologie zu integrieren.

Für die KanaaiterInnen war Lilith die Ba’lat, die „heilige Gebieterin“. Auf einer Tafel aus Ur, die etwa aus dem Jahr 2000 v.d.Z. stammt, wird sie mit dem Namen Lillake angesprochen. „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, …. und schuf einen Mann und ein Weib“, heißt es bekanntlich in der Genesis (1. Mose 1,27). Diese Bibelstelle beinhaltet einiges Denkwürdiges. Zum einen wird hier klar, dass Gott – wenn er/sie Mann und Frau zum eigenen Bilde geschaffen hat – damit auch eine weibliche Seite haben muss (mehr dazu unter Sophia).

Zum anderen relativiert sich hier die Geschichte mit der Rippe, die erst in Mose, Kapitel 2,21 vorkommt. Was war in der Zwischenzeit? Doch vorerst einmal zur ersten Frau, jene, von der Moses im ersten Kapitel spricht. Im sumerisch-babylonischen Raum wurde eine Göttin, eine große Himmelskönigin verehrt. Es lag also nahe, diese bereits bekannte Göttin mit ihrem mythologischen Hintergrund in die erste Frau im damals neuen jüdischen Glauben umzuwandeln.

Der Versuch der sexuellen und generellen Unterwerfung

Und so machten also die HebräerInnen Lilith kurzerhand zur ersten Frau und zur Gefährtin Adams – was prinzipiell ihrem angestammten Status als Schöpfungsgöttin entsprach. Gott erschuf Adam und Lilith also aus demselben Lehm. Jedoch sollte sich diese nun dem Mann unterordnen. Ihre sexuelle Unterwerfung, d. h. beim Geschlechtsverkehr unter dem Mann zu liegen, sollte Sinnbild ihrer generellen Unterwerfung sein.

Doch Lilith – mit ihren matriarchalen Wurzeln zutiefst verbunden – durchschaute das Spiel. Und spielte nicht mit. Sie bestand darauf, da sie gleichberechtigt geschaffen seien, die Gleichberechtigung auch für den Sex gelte. Als Adam sich weigerte, verließ sie ihn und floh ans Rote Meer. So wie es einer freien Frau zusteht. Dabei soll sie sich Flügeln wachsen haben lassen und Gott einen Teil seiner Macht gestohlen haben.

Denn Lilith stellt ja nicht nur die Überlegenheit des Mannes in Frage, sondern auch jene des himmlischen Gottvaters. Wobei sich hier die Frage stellt, wer zuerst die Macht hatte – die alte Muttergöttin oder der jüngere hebräische Gott?

Rotes Meer als Symbol für rote Frauenkraft

Das „Rote Meer“ kann auch als Symbol für die starke rote Kraft der Frau gesehen werden und wird auch manchmal als Allegorie für Menstruation angesehen. Lilith wurde, da sie sich weigerte auf die vom männlichen Gott vorgesehenen Art mit Adam sexuell zu verkehren, auch nicht schwanger und „gebar“ das Rote Meer mit ihrer Menstruation.

Diese Nicht-Mutterschaft ermöglichte ihr auch ein Leben in Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Etwas, das so manchen Männern noch Jahrtausende später bei den Nachfahrinnen von Lilith in höchstem Maße unangenehm, wenn nicht unheimlich ist. Natürlich trifft Lilith mit alldem den phallischen Stolz des Patriarchats im Kern, das die Selbstbestimmung der Frau nicht ertragen kann.

Die jüdische Religion verleugnet ja auch bewusst die lebensspendende Eigenschaft der Mutter, denn im Gegensatz zu biologischen Tatsachen werden in der Legende Adam und Lilith auf die Schaffenskraft eines männlichen Gottes zurückgeführt. (Jener Gott im übrigen, der dann zur Schaffung seines leiblichen Sohnes dann doch eine Frau g
ebraucht hat – dies aber nur so als kleine Anmerkung am Rande).

In einer anderen Version brachte Lilith Gott dazu, ihr seinen heiligen Namen zu verraten. Der Name verlieh ihr anschließend unbegrenzte Macht. Lilith verlangte Flügel von Gott und flog davon. Nachdem Adam nun in großes Wehklagen ausbrach, schickte der (Bibel)Gott die drei Engel Sanvi, Sansanvi und Semangelaf hinter Lilith her, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Doch diese ließ sich nicht umstimmen. Lieber wollte sie am von ihr gewählten Ort leben und ihre Sexualität so genießen, wie sie es kannte – selbst-bestimmt. Dies war aber so gar nicht mit dem verklemmten wie verlogenen patriarchalen (Sexual)Leben der neuen Herrscher vereinbar. Ebenso wenig ihr eigener, ihr starker Wille. So hatten Frauen nicht mehr zu sein.

Dämonenfrau mit tausend Dämonenkinder

Schließlich gesellte Jahwe zu Adam die weniger selbstbewusste Eva. Und damit veränderte sich die Bedeutung von Lilith radikal. Die jüdische Mythologie machte aus ihr einen weiblichen Dämon.

Nicht nur sie, mit ihr auch gleich alle Frauen wurden zu Dämoninnen schlechthin abgestempelt. Zur Abschreckung für alle Zeiten erfand „mann“ nun ihre Verbindung mit – je nach Erzählweise – einem oder vielen oder tausend Dämonen, von denen Lilith tausend Dämonenkinder bekam.

Natürlich war der gütige und von Liebe erfüllte Bibelgott sofort zur Stelle, um täglich hundert dieser, ihrer Kinder zu töten. Was für ein Zeichen von Nächstenliebe! Welche Mutter ist erfreut über den Mord an ihren Kindern? Natürlich wird sie sich wehren. Mit ihrer Trauer und Verzweiflung, mit ihrem Zorn, sich solche Behandlung nicht bieten zu lassen, war ihr Image als Dämonin perfekt.

Ab da wurde kolportiert, dass sie nun ihrerseits Kinder mordend durch die Länder zog. Sie sei eine Nachtdämonin, die schwangere Frauen gefährdet und insbesondere Säuglinge tötet. Mit ihrem Nachtaspekt entspricht Lilith wieder ihrer früheren Bedeutung als Ursprungs- und Schöpfungsgöttin, die aus der großen Dunkelheit, den Tiefen des Universums kommt.

Sie wird auch „Die Schwarze Göttin“ genannt und mit der griechischen Astarte gleichgesetzt und gilt als die Mutter der Magie und des Schwarzmondes.

Ahnfrau der Weisen Frauen

Lilith, die Ahnfrau der Weisen Frauen, der Geburtshelferinnen und der Abtreibungskundigen, Lilith, die Widerspenstige, war also nicht bereit, sich der patriarchalen Vorherrschaft zu unterwerfen.

Was alles könnte das bewirken, wenn Lilith die Frauen wieder an die alten weiblichen Geheimnisse, an die weibliche Lebenskraft erinnert? Das sicherste Mittel dem entgegen zu wirken schien also, sie zu dämonisieren und sie mit angsterregenden, mörderischen Eigenschaften auszustatten.

Seit der Zeit patriarchalischer Geschichtsschreibung wird Lilith darüber hinaus auch eine erotische, verführerische Rolle zugewiesen, die interessanter Weise mit negativ und verderblich gleichgesetzt ist. Trotz all der diffamierenden Zuschreibungen, gelang es auch über die Jahrtausende hinweg nicht, Lilith tatsächlich auszulöschen.

Immer wieder erkannten Frauen und auch Männer die Intention, die hinter all den Märchen und Verleumdungen über Lilith stecken. Auch wenn wir von Lilith kaum überliefertes Wissen besitzen, fällt es dennoch vielen Frauen leicht, den Schlamm der intriganten Lügen weg zu wischen und eine autarke, sich ihrer selbst bewussten, mutige, unbeugsame Göttin zu erkennen. Eine, die ihre dunkle Seite genauso wie ihre strahlende Kraft lebt.

Lilith als paradiesische Schlange

Es wird erzählt, dass Lilith sich in den Paradiesgarten zurück wagte, um Eva auf den Baum der Erkenntnis aufmerksam zu machen. Ob sie Eva daran erinnerte, dass alles Leben aus dem Weiblichen geboren ist? Angeblich war es Lilith, die Eva in Gestalt der Schlange verleitete, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu pflücken.

Der Fluch des patriarchalen Gottes traf Eva hart, die sich zwar Adam unterordnete, aber trotzdem nicht auf Erkenntnis verzichten wollte … All dies können Frauen als wichtige Lektionen der patriarchalen Welt ansehen: Unterstützt und helft einander ja nicht! Denn das ist böse, ein Werk des Teufels. Kommt nie auf die Idee, aus eigenem Antrieb Wissen und Erkenntnis zu erlangen! Und schon gar nicht gemeinsam! Ihr seht ja, wohin das geführt hat.

Die Botschaft ist klar und hat Bestand bis heute und führt leider zur traurigen Wahrheit, dass Frauen anderen Frauen oft größere Feindinnen, Hemmschuhe, Neiderinnen, Intrigantinnen sind, als Männer es vermögen. Noch immer erledigen viele Frauen bereitwillig die patriarchale Drecksarbeit gegen andere Frauen.

Dabei ging es Lilith nie darum, besser als Adam zu sein. Doch sie sah auch keinen Grund, ihre Stärken zu verstecken.

Während Männer in matriarchalen Kulturen eben diese Stärken schätzten und unterstützten, waren und sind diese den patriarchal Herrschenden zutiefst suspekt und werden als höchst gefährlich eingestuft. Doch die Kraft und der Reiz von Lilith ist über die Jahrtausende hinweg so stark, dass sie nie ganz in der Versenkung der Unterwelt verschwunden ist, wie es jüdische und christliche Patriarchen gerne gehabt hätten.

Der Asteroid Nr. 1.181 und der Schwarze Mond

So hat sie ihren Eingang in die Astronomie und Astrologie gefunden. Der Asteroid Nr. 1.181, entdeckt am 11. Februar 1927, wurde Lilith genannt. In der Astrologie steht sie für den „Schwarzen Mond„. Dieser ist Träger radikaler Werte, stellt alles in Frage, ist Ambivalenz von Verlangen und Ablehnen. Lilith ist astrologisch gesehen kein Himmelskörper, sondern der zweite Brennpunkt der elliptischen Umlaufbahn des Mondes um die Erde, also etwas Nicht-Materielles.

Die Energie, mit der Lilith verbunden wird, ist verlockend erotisch, autonom, widerspenstig, erdverbunden, magisch, weise, intuitiv, frei, unbezähmbar und damit bedrohlich. Sie hasst es, unterworfen oder eindeutig festgelegt zu werden, denn sie liebt die Freiheit.

Sie ist die kreative, formgebende Energie, die autonome Göttin des Lebens und des Todes. Nicht ohne Grund besinnen sich viele Frauen gerade jetzt wieder auf Lilith. Das lässt Hoffnung für unseren Planeten und für uns selber haben. Als autonome und damit selbstverantwortliche Göttin zeigt Lilith den Menschen die Möglichkeit, auch ihre eigenen Autonomie zu entwickeln.

Ein Mensch, der astrologisch gesehen „seine Lilith lebt“, ist autonom, redet sich nicht auf andere, höhere Mächte aus und ist sich der Wirkung und dem Ausmaß seiner Taten und Handlungen bewusst.

Lilith steht daher nicht eigentlich für Göttin oder Gott, sondern für die Fähigkeit, unsere eigene Schöpfungskraft zu entdecken, das Göttliche in uns selbst zu gestalten.

auch: Lilitu, Lildu, Lillake

 

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