Das hebräische Wort für Geist ist Ruach. Darin klingt lautmalerisch das Wort „Hauch“ für Lufthauch oder Lebenshauch an. Der Geist, der auf Hebräisch „ruach“ heißt und weiblich ist, kommt bereits in der dritten Zeile der Bibel vor. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde schwebt der Geist über den Wassern.
Die über dem Wasser schwebt
Das hebräische Wort für Geist ist Ruach. Darin klingt lautmalerisch das Wort „Hauch“ für Lufthauch oder Lebenshauch an. Der Geist, der auf Hebräisch „ruach“ heißt und weiblich ist, kommt bereits in der dritten Zeile der Bibel vor. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde schwebt der Geist über den Wassern.
Wer ist diese Ruach? Eine Naturerscheinung, ein selbstständiges Wesen, die Seele, die allem innewohnt, die Schöpfungskraft, die weibliche Seite Gottes, eine Göttin?
Ruach ist das älteste Wort, das wir in Zusammenhang mit dem „Heiligen Geist“ kennen (zu „Heiliger Geist“ siehe auch bei Sophia).,
Der göttliche Ursprung der Ruach ist nicht fassbar – ein nicht verfügbares Geheimnis. Wir können es immer dort erfahren, wo Leben sich schöpferisch zeigt und gebiert.
In der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte schimmert mit Ruach etwas durch, was die jahrtausendelange Urweisheit der Menschen war: Erschaffen, Leben einhauchen, Gebären, die ursprüngliche Schöpfungskraft, die Quelle der Kraft – das sind weibliche Aspekte Gottes, das ist die Göttin.
Das weibliche hebräische Wort „rûaḥ“ kommt im Tanach, der hebräischen Bibel, 378 Mal vor.
An bestimmten Stellen wird das Wort mit „Geist“ übersetzt. Die Grundbedeutung von „rûaḥ“ ist „bewegte Luft“. In griechischen Übersetzungen des Tanach ist die Übersetzung als „Pneuma“ zu finden, ebenso im Neuen Testament. Es ist auch mit dem deutschen Wort Rauch verwandt.
Im westsemitischen Sprachraum ist der Wortstamm für „Ruach“ weit verbreitet: Im Ugaritischen findet sich „rḥ“ („Wind“ oder „Duft“), im Phönizisch-Punischen „rḥ“ („Geist“), im Aramäischen „rwḥ“ („Wind“ und „Geist“), im Arabischen „rūḥ“ („Lebensodem“, „Geist“) und „rīḥ“ („Wind“) und im Altäthiopischen „roḥa“ („fächeln“). Im Ostsemitischen findet sich statt „rûaḥ“ die akkadische Wurzel „scharu“ für „Odem“.
Im Tanach bedeutet das weibliche Substantiv mit dem später der „Geist“ bezeichnet wird, zunächst „Wind“ (z. B. Ex 14,21 EU), dann auch „Hauch“, „Atem“ (Ps 33,6 EU; Ez 37,5–14 EU).
In anderen Zusammenhängen bedeutet es den geistigen Zustand, die Stimmung, die Haltung, die Einstellung (Ex 35,21 EU; Esra 1,1 EU; Haggai 1,14 EU).
Die Haltung eines Menschen, seine „Ruach“, gilt in gewisser Weise als selbstständiges Wesen.
Sie kann sich ausbreiten, auf einen anderen Menschen überspringen und in ihn eindringen.
Als allererstes eine starke weibliche Kraft
Am Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes (ruach) schwebte über dem Wasser.“
Bemerkenswert ist hier, dass das Wort Ruach weiblich ist. Die wörtliche Interpretation der Genesis spricht also gegen einen männlich vorgestellten Schöpfer.
Dass der Begriff „die Ruach“ im Hebräischen feminin ist, können wir nicht als zufällig erachten. Ganz im Gegenteil: Das wurde sehr bewusst gewählt.
Wie in vielen alten Traditionen gibt es hier offenbar als allererstes eine starke weibliche Kraft, eine Göttin, wenn wir so wollen.
Über dem Wasser, dem Urmeer, das immer als weiblich interpretiert wurde, aus dem alles Leben kommt, schwebt also dieser weibliche Spirit.
Wir können auch einen engen Zusammenhang mit einem Gebärvorgang erkennen. Nichts ist so schöpferisch wie eine Geburt. Es gibt in der Bibel den mit „ruach“ verwandten Begriff „rewach“, was „Weite, Raum“ bedeutet. Bei einer Geburt geht es durch den Geburtskanal in die Weite.
Wichtigstes Element in der Dreifaltigkeit
In der christlichen Dreifaltigkeit ist neben Gottvater und -sohn der sogenannte Heilige Geist das dritte wichtige, wenn nicht wichtigste Element.
Allein die Übersetzung „Heiliger Geist“ ist irreführend. Eigentlich müsste es „Heilige Geistin“ heißen, da das Ursprungswort Ruach ja eindeutig weiblich ist. Dieser „Heiliger Geist“ wurde bald als geschlechtsloses sphärisches Wesen, als Vogel dargestellt. Doch dieser Vogel ist eine Taube. Und diese ist ein Symbol einer Reihe anderer alten großen Göttinnen wie Ischtar, Astarte, Anahita, Eurynome und später auch mit Aphrodite und der Venus. Also gibt es hier einen starken Anknüpfungspunkt zu den vielen alten Göttinnen.
Und als die Kirche römisch wurde, erlitt sie durch den grammatikalisch eindeutig männlichen Begriff „Spiritus Sanctus“ ihre letztgültige Geschlechtsumwandlung. Und von diesem wurde sie auch in den Übersetzungen in andere Sprachen zum männlichen Geist.
In Wahrheit ist jedoch dieser Heilige Geist bzw. die höchste intuitive Weisheit der weibliche Pol der christlichen Dreifaltigkeit. Das zeigt sich in der Darstellung Gottes als Auge in einem Dreieck. Wenn Gottvater das Auge ist, dann ist das ihn umgebende Dreieck die Kraft von Ruach, der weiblichen, schöpferischen, geistigen Energie, in die er sozusagen eingebettet ist. Sie stellt als symbolhaftes Dreieck die dreifaltige Ausprägung der Lebenszyklen von Geburt, Tod und Wiedergeburt dar, ist Ausdruck der uralten Göttinnen-Triade, aus Jungfrau, Mutter und Weiser Alten, zeigt die drei Phasen weiß, rot und schwarz, aus der alles Leben entsteht (näheres dazu siehe: Die dreifache Göttin).
Ruach bedeutet daher immer Vollkommenheit. Ein in sich geschlossener Zyklus.
Der byzantinische Kaiser Michael Palaiologos bezeichnet in seinem Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1274 den Heiligen Geist als „vollständigen, vollkommenen und wahren Gott“. Und wenn dieser weiblich ist, dann haben wir es wohl mit einer Göttin zu tun.
Verleiht Lebenskraft
Um Ruach angemessen zu umschreiben, braucht es drei Wörter: Atem, Wind und Lebensenergie. Diese war von Anfang an da, die schöpferische Kraft, aus der alles entstand, geboren wurde. Und sie ist immer noch gegenwärtig, als Energie, als spezieller Spirit also, der uns Menschen Lebenskraft verleiht. Die Ruach ist das, was Leben ermöglicht und schafft – sei es in der Schöpfung oder in der Neuschöpfung. Sie ist immer in Bewegung und setzt andere in Bewegung. Die treibende Kraft sozusagen.
Die sprachliche Verwandtschaft zwischen Ruach und Rauch macht auch verständlich, warum bei so vielen religiösen Handlungen Weihrauch und anderes Räucherwerk verwendet wird, ist es doch die Sichtbarmachung des Schöpfungsgeistes. Ähnlich verhält es sich auch mit Nebel, der gefühlt immer eine magische Wirkung ausübt. Erinnert er uns an Ruach, die zu Anbeginn über dem Wasser schwebte?
Die sprachliche Geschlechtsumwandlung und ihre Folgen
Sich vom Judentum abgrenzend, entsteht vor rund 2.000 Jahren das Christentum in einem Kulturraum, der griechisch geprägt ist: Sprachlich, kulturell, philosophisch. So wird das Neue Testament nicht auf Hebräisch verfasst, wie die älteren Bücher der Bibel, sondern auf Griechisch. Und so trifft die hebräische weibliche Ruach auf das griechische männliche Pneuma.
Es wird also in den griechischen Übersetzungen der Bibel für Geist das Wort „Pneuma“ verwendet. Damit ist auch „Hauch, Seele, Luft, Feueratem und kosmische Macht“ gemeint. Allegorisch finden wir hier etwa die Feuerzungen, die auf die Apostel als Heiliger Geist zu Pfingsten herabkommen.
Die hebräische Ruach verwandelt sich also in das griechische Pneuma.
Und das ist nicht nur bloß ein anderes Wort. Die Übersetzung mit der Geschlechtsumwandlung hat weitreichende Folgen:
Denn die griechischen Denker stellen beim Begriff Geist dann immer mehr die Vernunft, das Wort und die Rationalität in den Vordergrund und entwickeln damit eine Gegensätzlichkeit zwischen der weiblichen Materie, die von der Mutter (= Mater) kommt und dem Geist, der vom Vater stamme. Dass der im Uranfang über dem Wasser schwebende Geist weiblich war, geriet damit zunehmend in Vergessenheit-
Schwerwiegende Folgen hatte dies für die Philosophiegeschichte Europas. Denn die (weibliche) Materie wurde als ungeistig und leblos angesehen, während der männliche Geist höchste Wertschätzung erlangte. Maria, stellvertretend für alle Frauen, wurde zur „Magd des Herrn“ abgewertet, die dann der griechischen Tradition folgend, den Heiligen Geist in sich aufnimmt, der natürlich als männlich und nicht wie ursprünglich als weiblich verstanden wurde.
Was war u.a. die Folge? Ursprünglich heilige Bäume und Wälder konnten bedenkenlos abgeholzt werden, denn sie waren ja nur Materie. Frauen wurden auf einmal als Sünderinnen per se angesehen, einfach deswegen, weil sie Frauen waren. Der Heilige Geist, der ursprünglich das Leben und die Schöpfungkraft selbst war und alldurchdringend, war jetzt ein männliches Privileg. Der Heilige Geist „wohnte“ nicht mehr auf der Erde, sondern nur noch im Himmel.
Abschließend kann gesagt werden, dass wenn von Gottes Geist die Rede ist, darin eine weibliche Dimension steckt. In der christlichen Tradition wurde das oft übersehen oder durch männliche Bilder ersetzt. Doch in der jüdischen Mystik und feministischen Theologie spielt Ruach als lebenspendende, schöpferische Kraft eine wichtige Rolle.
Kurz gesagt: Ruach ist der belebende Geist Gottes, die Göttin selbst – stark, dynamisch und voller Leben!
auch: rûaḥ
