Saule – Baltische Sonnen- und Himmelsgöttin

Saule wird vor allem in Lettland und Litauen verehrt. In der baltischen Mythologie ist die Sonne ist eine zentrale mütterliche Gestalt. Oft wird die Sonne dort als liebevolle Mutter oder „Patenmutter“ personifiziert.

 Goldene Strahlkraft 

Saule wird vor allem in Lettland und Litauen verehrt. In der baltischen Mythologie ist die Sonne ist eine zentrale mütterliche Gestalt. Oft wird die Sonne dort als liebevolle Mutter oder „Patenmutter“ personifiziert.

Sie wärmt, tröstet, beschenkt und verziert Menschen, aber auch Bäume und Gräser. Sie regiert alle Bereiche des Lebens, von der Geburt in ihr Licht bis zum Tod, wenn sie die Seelen in ihrem Apfelgarten im Westen willkommen heißt.
Der Sonnengöttin Saule wird daher größte Wertschätzung und Verehrung entgegengebracht. Ihr Name Saule bedeutet einfach auch nur „Sonne“, ihre Beinamen lauten „Sonnenjungfrau“ und „Mutter Sonne“. Unzählige Dainas (Volkslieder und Gedichte), Hymnen und Gebete sind ihr gewidmet.

Himmlische Patin der Neugeborenen

Saule ist Himmelskönigin und Gebieterin des gesamten Universums, auch Fruchtbarkeitsgöttin und Schutzgöttin des Gesindes und der Waisen. Als himmlische Patin der Neugeborenen wird ihr mit einem Tanzritual gehuldigt: „Mit Sonne und gegen die Sonne“ wird das Taufkind im Tanz getragen, damit es „wie Sonne aufwächst“. Saule soll vom Schmiedegott Teliavelis geschmiedet und in den Himmel geschleudert worden sein. Wie viele Sonnengöttinnen steht sie für Wachstum, Ernte und Fruchtbarkeit und soll daher auch Überfluss und Fülle verleihen.

Die Erde – erstes Kind von Saule

Es heißt, dass das erstes Kind von Saule die Erde ist. Nach wie vor bescheint sie die Erdgöttin Zemyna liebevoll und macht damit alles Wachstum, Fruchtbarkeit, Licht und Wärme möglich.

Allerdings ist Saule auch eine gefährliche Göttin, deren Hitze die Menschen und Pflanzen versengen kann. Eine Sage erzählt daher, dass Sonne, Kälte und Wind an einem Mensch vorbei gehen, der diese grüßt. Gefragt, wem der Gruß galt, wird der Wind bevorzugt, der daraufhin verspricht, bei Sonne stark zu wehen und bei Kälte still zu halten und so deren Schrecken zu mildern.

Außer der Erde hatte die Sonnengöttin viele weitere Töchter, die „Saules meitas“, die als Himmelswesen auf dem Hof ihrer Mutter Rosen säen, während ihre Söhne, die „Dieva deli“ goldenen Tau ausstreuen. Zu ihren Töchtern zählen Vaivora (Merkur), Ausrine (Venus), Ziezdre (Mars), Selija (Saturn) und Indraja (Jupiter).

Tanzt in Silberschuhen auf den Kämmen der Hügel

Der Göttin Saule wird täglich gehuldigt, indem sich ihr Volk nach Osten verbeugt, um sie zu begrüßen. Ihr Hauptfest ist die Sommersonnenwende, Rasa oder Kupolines genannt. Zu dieser Zeit erhebt sie sich, gekrönt mit einem Kranz aus roten Blüten und tanzt in ihren Silberschuhen auf den Kämmen der Hügel.

Die Menschen springen in gegen Osten fließende Flüsse, um in ihrem Licht zu baden. Frauen setzen sich ähnlich geflochtene Kränze auf und schreiten über die Felder, um deren Fruchtbarkeit zu beschwören. Vor allem im Liedgut, wo die Sonne hüpft und flimmert, werden die Segnungen und die Rituale zu Ehren der Sonnengöttin anlässlich ihres großen Festes deutlich.

Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, dann sagt man, Saule kämpft gegen die Kräfte der Finsternis. Bereits vom 30. November an wird bis 6. Januar die Rückkehr der Sonnengöttin beschworen und gefeiert. In diese Zeit fallen auch die christlichen Feste — Advent, Weihnachten, Dreikönig, die sich im Brauchtum mit den Festen rund um Saule sehr vermischen.
Saule, die ältere Göttin wird daher auch oft mit der jüngeren christlichen Maria in den Zeremonien und der Verehrung gleichgesetzt.

Schwer arbeitende Sonnengöttin, launenhafter Mondgott

Aus einigen litauischen Liedern gibt es Hinweise auf eine Hochzeit von Saule mit dem Mond Méness.
Oft besungen, aber zwiespältig ist die Beziehung der Sonne mit dem deutlich unterlegenen männlichen Mond: mal heiraten sie, mal wird der Mond wegen seines schwächeren Lichtes zur Rechenschaft gezogen oder gar von der Sonne verprügelt.

Ist doch Saule eine schwer arbeitende Frau, die zuverlässig jeden Tag in der Morgendämmerung das Haus verlässt, während Méness sorglos und launenhaft den ganzen Tag zu Hause bleibt und nur einmal im Monat seinen Mondwagen mit voller Kraft über den Himmel fährt, während er sonst mit weniger Stärke oder auch gar nicht am nächtlichen Firmament erscheint.

Weitere Liebhaber von Saule sollen Dievs, der Himmelsgott und Perkunas, der Donnergott gewesen sein. Immer wieder besungen wird auch die Legende, in der Saule neun Tage nicht scheint und erst am zehnten Tag wiederkommt.
Man erklärte sich dies dadurch, dass die Schicksalsgöttin Laima einmal alle Gestirne zu einem Fest eingeladen hatte — außer Saule, die alle überstrahlt und möglicherweise versengt hätte. Diese nahm ihr das so übel, dass sie neun Tage nicht mehr aufging und statt dessen dichten Nebel über das Land schickte.

Wagen mit zwei goldenen Rössern

Saule wird oft mit goldenem Haar, mit goldenen Kleidern und einer goldenen Krone dargestellt. Sie fährt in ihrem, von zwei goldenen Rössern gezogenen Wagen über den Himmel. Am Ende ihrer täglichen Reise versinkt sie im Meer, in dem sie und ihre Pferde baden. In einem Boot kehrt sie in der Nacht zu dem Ausgangspunkt zurück, von dem sie am nächsten Tag ihre Himmelsreise erneut antritt.

Aus dem Grund ihrer nächtlichen Aktivitäten wurde vermutlich auch das Meer im baltischen Raum nach ihr benannt: Balta Saulite – „Kleine weiße Sonne“.

Die Sichel der Saule als Warnung

Es wird erzählt, dass Saule jeden Abend nach ihrer Tochter Ausrine, dem Abendstern Ausschau hält, um sich ein wenig mit ihr zu unterhalten. Eines Abends konnte sie ihre Tochter jedoch nicht finden. Es stellte sich heraus, dass das wunderschöne Mädchen von Méness, dem Mondgott vergewaltigt wurde.

Außer sich vor Wut nahm Saule eine Sichel und zerschnitt damit das Gesicht des Mondes, wobei sie ihm jene Narben zufügte, die noch heute auf seinem Antlitz zu erkennen sind. Dann verbannte sie ihn auf ewig aus ihrer Gegenwart.

Aus diesem Grund werden sie niemals mehr zusammen gesehen.
Baltische Frauen tragen daher zur Warnung oft als Schmuck die „Sichel der Saule“, die so gefährlich wirkte, dass sie verboten wurde. Seither wird dieses kraftvolle magische Amulett verborgen getragen.

Ganz im Westen hat Saule einen Garten mit goldenen, silbenen und diamantenen Äpfel. Dies erinnert an die Gärten der Hera und der Idun und natürlich auch
an das biblische Paradies. Saule wird oft selbst als goldener Apfel angesehen.

Spinnt Sonnenstrahlen auf ihrem Spinnrad

Eines ihrer Symbole ist das Rad, das als Sonnenrad auch den Zodiak darstellt, den die Sonne im Laufe eines Jahres durchläuft. Manchmal wird Saule auch an einem Spinnrad dargestellt, mit dem sie goldene Fäden — die Sonnenstrahlen — spinnt.

Die Spindel ist dabei meist aus Bernstein, dem magischen Stein, in dem oft auch viele Spinnfäden bzw. ein Gespinst aus Sonnenstrahlen zu sehen ist. Tatsächlich wurden in den meisten alten Gräbern im baltischen Raum Spindeln aus Bernstein gefunden.

Die machtvolle Stellung der weiblichen Sonne sowie zahlreicher anderer mütterlicher Gottheiten in der baltischen Mythologie ist ein deutlicher matriarchaler Zug.
Saule steht daher für Frauen mit großer Strahlkraft und hilft denen, die diese noch erlangen wollen.

auch: Sáule, Saulė  

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