Völva – Nordische Göttin der Zauberei und der Weissagekunst

Ursprünglich ist die Völva eine Seherin in der altnordischen Mythologie. Das erste Lied in der Edda, die Völuspá, ist die Vision einer (bzw. der) Völva, die hier in Liedform wiedergegeben wurde.

Die große Seherin

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Ursprünglich ist die Völva eine Seherin in der altnordischen Mythologie. Das erste Lied in der Edda, die Völuspá, ist die Vision einer (bzw. der) Völva, die hier in Liedform wiedergegeben wurde.

Daher kann man davon ausgehen, dass die Völva ursprünglich nicht eine sterbliche Frau sondern eine mythologische Figur – eine Göttin – war. In den Eddaliedern wird die Seherin von den Gottheiten aufgesucht, die ihre Weissagungskunst als „Allwissende“ erbitten.

Schwer vorzustellen, dass sie hier einstmals eine sterbliche Frau konsultiert haben. Später wurden vermutlich auch magisch und seherisch begabte Frauen nach der Göttin benannt und eine Völva wird auch als eine Priesterin der Göttin Freya angesehen. Sie scheint in ihrer Kultur eine hochgestellte, verehrenswürdige Persönlichkeit gewesen zu sein.

Völva und die Vulva

Die Ähnlichkeit der beiden Worte „Völva“ zu „Vulva“ ist nicht zufällig. Die nordischen Seherinnen trugen immer einen Stab als Symbol ihrer Gabe und ihrer Macht. Dieser wird als „Zauberstab“ aber auch als Phallussymbol interpretiert, denn es wird verschiedentlich davon berichtet, dass Frauen Phallus-, bzw. Fruchtbarkeits-Riten ausführten.

Und wer hat die größte Macht über einen Phallus? Natürlich die Vulva. Es wird auch von Zeremonien berichtet, in dem die Völva mit einem in Leinen eingewickelten Phallus eines Hengstes, der „Völse“ genannt wurde, ihre magische Arbeit vollbrachte. Der Hengstphallus stand für Fruchtbarkeit.

Die Gräber von weisen Frauen, Priesterinnen und Seherinnen

Bei archäologischen Ausgrabungen in Skandinavien entdeckte man bislang etwa 40 Frauengräber, in denen diese Stäbe gefunden wurden. Es wird vermutet, dass sie die Toten zu Lebzeiten als ein Attribut ihrer Autorität und magischen Berufung benutzt hatten.

Da es in diesen Gräbern immer weitere wertvolle Grabbeigaben gab, kann man aus diese aufwändige Bestattung schließen, dass die Völur (Plural von Völva) zur höchsten Stufe der Gesellschaft gehörte. Glaubte man bei der ersten Grabentdeckung noch, auf das Grab der Königin Åsa, der legendären Stammmutter der norwegischen Könige gestoßen zu sein, so kann man aus den zahlreichen Völva-Gräbern schließen, dass es weise Frauen, Priesterinnen und Seherinnen es wohl in jeder Gemeinschaft gab – vom kleinen Fischerdorf, über wohlhabende bäuerliche Sippen bis hin zu königlichen Höfen.

In Strophe 22 der Völuspá, dem ersten Lied in der Edda heißt es:
Man nannte sie Heiðr. Wo sie ins Haus kam. die weissagende Völva, verwendete sie Zauberstäbe. Sie trieb Seiðr, was sie konnte, Sie wandte die Sinne der Menschen zum Seiðr Immer war sie angenehm

Trance für die Verbindung zur Anderswelt

Als Seiðr wurde in der vorchristlichen Religion Skandinaviens Zauberei oder ganz allgemein auch „Religion“ oder religiöse, spirituelle Praktiken bezeichnet. Es gibt auch die Annahme, Seiðr bzw. Seidh sei eine spezielle „weibliche“ Form der Zauberei und wird von den „männlichen“ Formen der Zauberei abgegrenzt, etwa dem Runenzauber oder dem Galdr (Zaubergesang).

Aber vermutlich handelt es sich dabei um den Oberbegriff für jede Form der Magie (siehe auch Freya, Gullveig, Skuld). Der Ursprung dieses Wortes kommt von „sitzen“ –  ein Sitzen um den ‚“Wesen anderer Welten“ zu begegnen, wie in einer „Seance“. Seiðr wurde von der Völva praktiziert, wobei die Trance für eine Verbindung zur Anderswelt mit Gesang und Stab herbeigeführt wurde. In einem tiefen veränderten Bewusstsein, einer schamanischen Trance reist die Völva in die „Anderswelt“, wo sie Antworten auf die von den Anwesenden des Rituals gestellten Fragen sucht. Sie sammelt Bilder, Worte oder Klänge und bringt alle diese Botschaften aus der „spirit world“ mit zurück und vermittelt sie weiter an die Menschen im Kreis.

Die kreisförmigen Bewegungen und die geheimen Orte

Wenn man den Begriff „Völva“ vom indogermanischen Wort „uolo“ ableitet, kommt man auf die Bedeutung „kreisförmige Bewegung“. Damit scheint die Völva auch für das Rühren im Kessel und für zyklische Bewegungen zuständig gewesen zu sein.

Völva lässt sich auch auf das Wort „völr“ zurückführen, das seinen Ursprung in „uel“ hat und damit die Bedeutung eines schützenden oder abgeschlossenen Ort hat. Diese zweite Übersetzungsmöglichkeit erklärt die Völva als „die Versteckte“ oder „die von geheimen Orten“.

In der Wissenschaft geht man mittlerweile davon aus, dass eine Völva enorme Bedeutung für die Menschen der Wikinger-Zeit hatte. Wahrscheinlich war sie eine geweihte, von einer Göttin berufene, höchst sensible geistige Führerin und Mentorin, die außer ihren seherischen Fähigkeiten auch über eine sehr gute Intuition und ein außerordentliches Einfühlungsvermögen verfügte.

Die mediale Vermittlerin

Ihr spirituelles Wissen hat eine Völva vermutlich von Geburt an, schärfte es durch besondere Beobachtungen der Natur und ihrer Umwelt und entwickelte es durch mündliche Weitergabe von Völva zu Völva weiter. Sie stellt es immer in den Dienst ihrer Mitmenschen.

Die Rituale und Zeremonien, wie auch das alte, „geheime“ Wissen um die Vorgänge in der Natur wurden nie in irgendeiner Form niedergeschrieben. Sie wurden von den Priesterinnen und weisen Frauen ausschließlich mündlich weiter gegeben. So konnten ihre geheimen Rituale nicht entweiht werden, denn auf diese Weise waren sie nur für jene zugänglich, die in die Religion initiiert sind. Auch der offizielle Teil eines solchen Rituals wurde nur selten aufgezeichnet, denn er stellte ein weit verbreitetes, alltägliches Wissen dar. Wenn man nicht von der Völva selbst als Göttin sondern von einer ihrer menschlichen Stellvertreterinnen spricht, dann verkörperte die die „große Mutter“ und bildet das Bindeglied zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

Sie kommuniziert mit den Gottheiten und Ahnenwesen, die das Schicksal der Menschen lenkten und gilt als mediale Vermittlerinnen zum Reich der Toten. Es gibt es nur sehr wenige Quellen darüber, was eine Völva in ihrer Funktion als Priesterin. Seherin oder Heilerin genau getan hat.

Allerdings gibt es eine sehr aufschlussreiche Schilderung, die wegen ihres nüchternen und detailreichen Stils recht glaubwürdig erscheint. Es ist die in Grönland handelnde Saga von Erich dem Roten (Eiríks saga rauða). Hier wird eine Völva namens Thorbjörg während einer Hungersnot um Rat gebeten. In dieser Sage trägt Thorbjörg einen reich verzierten, bodenlangen blauen Mantel und eine mit weißem Katzenfell gefütterte schwarze Lammfellmütze.

Die Katzen sin
d ein Hinweis auf die Verbindung zur Göttin Freya. Die Völva Thorbjörg hält einen bronzebeschlagenen Stab, wie er auch in Gräbern gefunden wurde. Es wird auch von einem Gürtel mit Zunderbüchse und einem Lederbeutel mit „Zaubermitteln“ erzählt. Beides ist archäologisch belegbar. Man fand Lederbeutel, deren Inhalt den „Medizinbeuteln“ indianischer Kulturen entspricht: Federn, Steine, Lederstücke, Knochen, Muscheln usw.

In einigen Gräbern, in denen den Grabbeigaben nach zu urteilen eine Völva bestattet ist, fand man Überreste von halluzinogenen Pflanzen, wie bittersüßer Nachtschatten oder Bilsenkraut. Ein anderer Name für Völva ist Wala (auch Vala), was mit „die Seherin“ oder „die Späherin“ übersetzt werden kann.

Das verbindet sie mit Walpurg, der germanisch-angelsächischen Maikönigin, die wiederum auf Waluburg –  eine germanischen Seherin aus dem 2. Jahrhundert n.d.Z. zurückzuführen ist und dem Volksstamm der SemnonInnen angehörte.

Auf griechischen Tonscherben ist eine „Waluburg Semnoni Sibylla“ erwähnt, übersetzt „Waluburg, die Seherin der Semnonen“.

Völva wird auch mit der altnordisch-norwegisch-germanischen Göttin Gullveig in Zusammenhang gebracht, zu deren Aufgaben das Hüten von Schätzen, die Zauberei „Seidr“ und die Weissagetechnik gehörte.

auch: Wala, Vala

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